Misophonie – Hilfe für Betroffene und Angehörige

Von Misophonie spricht man, wenn ganz normale Geräusche starke Wut oder Ekel auslösen. Die Lautstärke des Geräusches spielt dabei keine Rolle.

Charakteristisch für Misophonie (auch als selektive Geräuschintoleranz bekannt) sind extreme emotionale Reaktionen auf normale Geräusche (egal, ob diese als laut oder leise wahrgenommen werden) oder auch visuelle Eindrücke. Diese sogenannten „Trigger“ lösen starke emotionale Reaktionen bei den Betroffenen aus. Charakteristisch ist die Art der auftretenden Gefühle wie Wut und Ekel im Gegensatz zur Angst, die bei den meisten anderen psychischen Störungen eine Hauptrolle spielt. Die Wut auf ein bestimmtes Geräusch kann durchaus unterschiedlich ausfallen und die ganze Bandbreite von Irritation bis Hass durchlaufen. Körperliche Reaktionen auf die aggressiven Gefühle wie Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Übelkeit sind keine Seltenheit. Trigger beanspruchen die volle Aufmerksamkeit eines Misophonikers, denn sie lassen ihn an nichts anderes denken.

Misophonie macht sich in den meisten Fällen am familiären Esstisch zum ersten Mal bemerkbar.
Es muss kein Schmatzen sein – meist triggern ganz normale Essgeräusche: Eine typische Triggersituation am familiären Esstisch (Bildquelle: Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche)

Sie fragen sich wahrscheinlich: „Wie kann ein Mensch unter solchen unscheinbaren Geräusche derart leiden? Wie (und warum) provozieren bestimmte Geräusche in kürzester Zeit solche irrationalen Ausbrüche von Wut, Hass und Ekel?“

Als Misophoniker nimmt man ganz normale Essgeräusche als quälend und Wutinduzierend wahr.
Als Misophoniker nimmt man Geräusche ganz anders wahr – einmal als Trigger konditioniert lösen sie quälende Wut oder Ekel aus. (Bildquelle: Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche)

Es ist schwer zu begreifen, dass etwas so Harmloses wie das Knirschen von Kartoffelchips oder ein Schniefen derart extreme Reaktionen bei einem Menschen auslösen kann, dass sie bis hin zur sozialen Isolation führen. Vielleicht ist das alles nur Einbildung? Das kann doch gar nicht sein, das gibt es doch gar nicht! Aber leider gibt es das doch – und es ist noch dazu viel schlimmer als man es sich als Nicht-Betroffener vorstellen kann.

Auf diesen Seiten möchten wir über dieses Beschwerdebild informieren und vor allem Möglichkeiten aufzeigen, wie mit Misophonie umgegangen und wie sie behandelt werden kann.

Zu vermeidende Behandlungsmethoden

Kein Arzt versteht Lisa
Ärzte sind oft ratlos, weil Misophonie weitgehend unbekannt ist. (Bildquelle: Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche)

Oft wird Misophonie durch Unkenntnis wie eine Angst- oder Zwangsstörung mit Expositionsverfahren behandelt und es wird empfohlen, den sogenannten Triggergeräuschen nicht auszuweichen. Das führt bei Misophonie zum gegenteiligen Effekt, Triggerreaktionen werden dauerhaft verstärkt und jedes sich wiederholende Geräusch wird, wenn es während eines Triggers gehört wird, zu einem weiteren Trigger.

Ist Misophonie heilbar? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Was kann ich selbst tun?

Die Reaktion auf misophonische Trigger lässt sich auflösen oder zumindest mindern. Grundsätzlich gilt: Unter Stress getriggert zu werden verschlimmert die Misophonie, unter Entspannung lindert sie.

Faustregel für die Misophonie
Eine Faustregel für die Misophonie (Bildquelle: Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche)

Viele Misophoniker erfahren schon eine Erleichterung, wenn ihnen bewusst wird, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind und sich über die Misophonie informieren können. Wenn sie die Ursache für die Entstehung von neuen Triggern kennen, können sie dem vorbeugen und dafür sorgen, dass sich vorhandene nicht verschlimmern. Dafür ist es wichtig, den verhassten Geräuschen aus dem Weg zu gehen. Der Versuch, sie auszuhalten, sorgt oft dafür, dass neue Trigger hinzukommen oder bestehende sich ausweiten. Denn getriggert zu werden, erzeugt Stress – und unter Stress gertriggert zu werden, verschlimmert die Misophonie, das Leiden wird immer größer. Ein Teufelskreis!

Im Misophonie-Alltag haben sich viele Maßnahmen bewährt:

  • Offen über Misophonie reden (mehr…)
  • Triggerfreie Oasen (mehr…)
  • Allgemeines Wohlbefinden (mehr…)
  • Hintergrundgeräusche, z.B. mit einem Ventilator, einem Rauschgenerator oder Tinnitus-Noiser (mehr…)
  • Die innere Einstellung (mehr…)
  • Die Unterstützung durch die Familie (mehr…)
  • Eine geräuschvolle Umgebung (mehr…)
  • Kopfhörer und Ohrstöpsel (mehr…)
  • Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung (mehr…)
  • Progressive Muskelentspannung (PME) nach Jacobson (mehr…)
  • Die “Keine Gefahr, aber trotzdem danke!”-Technik (mehr…)
  • Maßnahmen am Arbeitsplatz oder in der Schule (mehr…)

Auch Therapiemöglichkeiten gibt es einige. Prinzipiell sind alle Methoden, die Konditionierungen auflösen, wirkungsvoll.

  • “Konfrontation unter Entspannung”: z. B. die Neural-Repatterning-Technik (NRT) (mehr…)
  • Entspannung des Reflexmuskels (mehr…)
  • Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie (SRT) (mehr…)
  • Bestimmte verhaltenstherapeutische Techniken (mehr…)
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) (mehr…)
  • Progressive Muskelentspannung als Therapie (mehr…)
  • Das Blockieren des Reflexes (mehr…)
  • TBT-Auditiv (mehr…)
  • Klopfakupressur (Zum schnelleren Auflösen der Wut) (mehr…)
  • Körperbasierte Techniken wie das myofasziale Muskelzittern (TRE) (mehr…)

Ein großes Problem ist, dass die wenigsten Therapeuten bisher überhaupt von Misophonie gehört haben. Hier muss meist der Klient dem Therapeuten die Krankheit erklären, damit nicht die falsche Methode angewendet wird (z.B. Konfrontation unter Stress). (mehr…)

FAQ

Wie entsteht Misophonie überhaupt?

Misophonie kann sehr plötzlich und in jedem Alter entstehen. Besonders häufig beginnt sie allerdings zwischen dem 8ten und dem 13ten Lebensjahr. Prinzipiell kann jeder Mensch Misophonie Symptome entwickeln. Wie gefährdet man ist, hängt von der Persönlichkeit ab. Eine typische Situation, in der Misophonie entsteht, ist das Familienessen nach einem stressigen Schultag. Das Kind ist angespannt, darf aber den Tisch nicht verlassen und hört dann das Kauen oder Schlucken eines Familienmitgliedes.
Obwohl sich die Experten für die genaue Ursache dieser psychischen bzw. neurologischen Störung noch nicht völlig einig sind, trägt Misophonie alle Anzeichen einer klassischen Konditionierung, in der ein bestimmtes Geräusch und eine Körperanspannung miteinander verbunden werden. Das führt dazu, dass das Geräusch einen Muskelreflex auslöst. Dieser Muskelreflex, den der Betroffene zumeist nicht bewusst wahrnimmt, wird von einem bestimmten Teil des Gehirns als Angriff von außen (fehl-)interpretiert. Und das löst dann die unerklärliche Wut aus. Unterstützt wird diese Theorie durch die Praxis, da Ansätze zur Behandlung, die von einer Konditionierung ausgehen, lindernd auf Misophonie wirken und das Leiden reduzieren.

Welche Trigger-Geräusche umfasst die Misophonie?

Wenn jemand auf bestimmte Geräusche, manchmal auch auf visuelle Reize, mit ungeheurer Wut oder Ekel reagiert, leidet er unter Misophonie. Dass die Lautstärke der auslösenden Geräusche keine Rolle spielt, ist auch typisch für Misophonie. Es ist eben nicht das Schmatzen, sondern es sind ganz normale Kaugeräusche, die den Misophonie-Betroffene leiden lassen. Letztendlich kann jedes beliebige sich wiederholende Geräusch zu einem Trigger werden, wenn es unter Anspannung wahrgenommen wird.

Störende Geräusche, unangenehme Geräusche kennt jeder. Aber Zahnarztbohrer, Styropor, Kreide auf der Tafel usw. – genau die Geräusche, bei denen jeder Mensch mit “gesträubten Nackenhaare” reagiert, sind es nicht. Normalerweise beginnt Misophonie mit regelmäßigen Geräuschen, bei sehr vielen Betroffenen sind das Essgeräusche – oft auch zunächst nur die von einer einzigen Person. Das Ticken einer Uhr, Geklapper auf einer Tastatur, jemand spielt mit einem Kugelschreiber, Atemgeräusche – alles das können Triggergeräusche sein. 

Gerade das macht es dem Misophoniker so schwer, von seinen Mitmenschen Verständnis zu bekommen. Allen anderen machen die entsprechenden Geräusche ja nichts aus, meist nehmen sie sie nicht einmal war. So erkennt man es nicht an den Geräuschen, ob jemand getriggert wird, sondern eher an seinem Verhalten. Jemand vermeidet es, in Gesellschaft essender Menschen zu sein und es ist ihm sichtlich unwohl, wenn er doch dazu gezwungen ist. Man kann die Wut, die entsteht, auch am Blick des Betroffenen erkennen. Ein Kinobesuch kann zur Tortur werden. Sozialer Rückzug ist eine schlimme Folge der Misophonie, denn gegessen wird ja fast überall, wo Menschen zusammenkommen. Kinder äußern ihr Problem oft auch, aber es ist schwer für Eltern, das nachzuvollziehen. Da besteht die Gefahr, dass das Problem einfach abgetan wird oder man es zunächst zu ignorieren versucht. Manche Betroffene versuchen, auch ihren Blick vor der Umwelt zu schützen, sie halten sich z.B. die Hand vor die Augen oder ziehen sich eine Kapuze ins Gesicht, um visuellen Triggern zu entgehen.

Hier ist eine Liste von typischen Triggern:

Geräusche: Kauen, Zähneknirschen, Schlucken, mit vollem Mund reden, das Klimpern eines Löffels am Geschirr, Gläserklirren, das Einräumen der Spülmaschine, Geschirr spülen, Schlürfen, nach einem Schluck „ah“ sagen, nach einem Schluck durchatmen, an den Zähnen saugen, Küssen, Knistern einer Chipstüte, eine Plastikflasche quetschen, Schniefen, Schnauben, durch die Nase atmen, regelmäßiges Atmen, Schnarchen, pfeifender Atmen, Gähnen, Husten, Räuspern, der Laut “S” oder “P” beim Sprechen, heisere Stimmen, raue Stimmen, Flüstern, bestimmte Worte, Unterhaltungen im Hintergrund, Fernseher im Hintergrund, Singen, Summen, Pfeifen, Murmeln, das Wort „ähm“, Bass durch die Wände (auch taktil), Türenknallen, Flip-Flops, schwere Fußtritte, Laufen auf oberem Stockwerk, Gelenkknacken, Kratzen, das Ticken einer Uhr, das Klopfen von Rohren, Toilettenspülung, Tippen, Mausklicken, Umblättern, mit einem Bleistift auf Papier schreiben, Kopierer, das Klicken eines Kugelschreibers, das Klopfen eines Stiftes oder Fingers auf dem Tisch, aufprallende Bälle, Warn-Piepen beim Rückwärts fahren, Warn-Piepton im Auto, Hundegebell, Krähen eines Hahnes, Vogelgezwitscher, Grillengezirpe, Frösche, Gewinsel.

Visuelle Trigger: Kieferbewegung (Kauen), das Gesicht berühren, mit dem Finger über das Smartphone streichen, mit dem Finger zeigen, mit dem Fuß wippen, mit einer Haarsträhne spielen, Essen zum Mund führen, Zwinkern.

Taktile Trigger: eine Tastatur berühren, bestimmte Textilien berühren, Papier berühren.

Wer diagnostiziert Misophonie?

Damit ein Arzt Misophonie diagnostizieren kann, muss ihm das Beschwerdebild erst einmal bekannt sein. Leider ist Misophonie in medizinischen und psychologischen Kreisen zur Zeit noch eher unbekannt, was zu einem breiten Spektrum an Fehldiagnosen führt: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung), affektive Störung, asoziale Persönlichkeitsstörung, Autismus, bipolare Störung, Depressionen, Hochsensibilität, Hyperakusis, Krampfanfälle, Migräne, Mutter-Kind-Drama, Nervenstörung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Phobie, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Sinnesverarbeitungsstörung, Zwangsstörung und viele mehr.
Ein weit verbreiteter therapeutischer Ratschlag bei Unkenntnis ist, die Geräusche zu ignorieren oder sich ihnen sogar bewusst auszusetzen. Bei Zwangsstörungen oder Phobien kann das durchaus sinnvoll sein. Bei Misophonie führt es höchstens zur Verschlimmerung.
Das Misophonie (noch) nicht in der “Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (ICD-10) aufgeführt ist, ist kein Grund, die Symptomatik zu ignorieren und eine andere Diagnose zu stellen.  Der Arzt kann sich informieren, sich als hilfreich erwiesene Therapien einleiten und  vor allem von kontraindizierten Therapien absehen.
Oft ist es der Misophoniker selbst, der seinen Therapeuten über Misophonie aufklärt. Ein guter Arzt wird hier ein offenes Ohr haben, sich entsprechend weiterbilden und Misophonie oder vielleicht doch eine andere Störung erkennen, um dann die besten Maßnahmen ergreifen zu können.
Auf dieser Seite finden Sie weitere Informationen und international anerkannte Selbsttests, um das “Ob” und “Wie schwer” ermitteln zu können.