Rund um Misophonie: Diagnose, Schuldfrage, Häufigkeit, Auftrittsalter

Was ist Misophonie NICHT?

Eine Liste von Störungen, die von Misophonie abzugrenzen sind
Bild: Andreas Seebeck

Um zu verstehen, was Misophonie eigentlich ist, ist es zunächst wichtig zu wissen, was sie NICHT ist.
Misophonie ist keine Überempfindlichkeit gegenüber Lautstärke, wie sie z.B. bei Kleinkindern häufig auftritt. Dies ist eine Hyperakusis, die oft schon in der Kindheit beginnt, und sich im weiteren Leben fortsetzt. Manchmal entwickelt sie sich allerdings auch erst im Erwachsenenalter. Ein Audiologe kann testen, ab welcher Lautstärke Geräusche als schmerzhaft empfunden werden und bestimmte Behandlungen empfehlen, die die Beschwerden lindern.
Misophonie ist auch etwas anderes als Phonophobie. Dies ist die Angst vor bestimmten Geräuschen (z.B. Toilettenspülung, Staubsauger). Diese Störung tritt ebenfalls oft schon bei Kleinkindern auf, außerdem bei autistischen Kindern, und hat nichts mit Misophonie zu tun.
Auch die „Störung der Sinnesverarbeitung“ (SPD – Sensory Processing Disorder) hat absolut nichts mit Misophonie zu tun. Diese Störung äußert sich durch signifikante Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von sensorischem Input, beispielsweise Tasten, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören. Ein Kind, das darunter leidet, zeigt eine Intoleranz gegenüber lauten Geräuschen – oftmals wird in solchen Fällen fälschlicherweise Hyperakusis oder Phonophobie diagnostiziert.
Misophonie ist nicht die simple Irritation, die jemand aufgrund von lauten, kontinuierlichen, irritierenden oder aufdringlichen Geräuschen empfindet, und sollte auch nicht mit Hochsensibilität verwechselt werden. Hochsensible Personen haben eine geringe Toleranz gegenüber unangenehmen oder irritierenden Situationen.
Nehmen wir zum Beispiel jemanden, der in der Nähe eines Flughafens wohnt und extrem emotional auf den Fluglärm reagiert. Er leidet wahrscheinlich unter Misophonie, wenn schon ein einziges Flugzeug diese Reaktion triggert. Wenn aber hauptsächlich das erste Flugzeug am frühen Morgen die negative Reaktion hervorruft, dann ist er eher hochsensibel. Er ärgert sich, weil er weiß, dass er dem Lärm den ganzen Tag ausgesetzt sein wird. Dadurch fühlt er sich völlig verzweifelt. Diese extremen Gefühlsregungen ähneln denen der Misophonie – von dieser sprechen wir aber nur dann, wenn eine Person auf das einzelne Vorkommen eines Triggers sofort mit Irritation, Wut oder Ekel reagiert.
Eine hochsensible Person kann gleichzeitig auch an Misophonie leiden. Aufgrund ihrer Hochsensibilität kann sie vielleicht einige irritierende Geräusche nicht ausstehen und hat zusätzlich noch misophonische Trigger.

Es ist auch nicht unbedingt Misophonie, wenn Sie die folgenden Geräusche als störend empfinden:

  • Nägelkratzen auf einer Schultafel,
  • ein schreiendes Baby,
  • ein Messer kratzt auf Glas,
  • ein Winkelschleifer (Flex) oder
  • eine kreischende Frau.

Sie gehören zu den Top 10 der irritierendsten Geräusche und es wird vermutet, dass wir genetisch dazu veranlagt sind, auf sie zu reagieren.

Was ist Misophonie?

Der Begriff „Misophonie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „Miso“ (Hass) und „Phonia“ (Geräusche) zusammen und bedeutet wörtlich „Hass auf Geräusche“. Diese Störung, charakterisiert durch extreme emotionale Reaktionen auf normale Geräusche, wurde 2001 von den Neurowissenschaftlern Dr. Pawel und Dr. Margaret Jastreboff benannt. Im Jahre 1997 identifizierte die Audiologin Marsha Johnson diese Störung zum ersten Mal und nannte sie „Selektive Geräuschintoleranz – Selective Sound Sensitivity Syndrome“, oder als Kurzform „4S“. Diese Bezeichnung ist zwar viel treffender, da die Intoleranz nur bestimmte, d.h. selektive Geräusche umfasst, aber mittlerweile ist der Begriff „Misophonie“ bekannter und schließt auch visuelle Trigger mit ein.

Ein Misophoniker reagiert sofort auf den Triggerstimulus, der entweder hörbar oder sichtbar ist. Diese Reaktion ist ein Reflex, also unmittelbar und unfreiwillig. Die Trigger sind häufig leise, normale Geräusche, die Nicht-Misophoniker oft gar nicht wahrnehmen. Wenn jedoch ein Misophoniker zusammen mit jemandem im Zimmer ist, der auf seinem Kaugummi herumkaut, wird er das hören und sofort darauf reagieren.
Misophonie ist immer mit starken Gefühlen verbunden, üblicherweise Hass, Wut, Ekel, Verbitterung. Unter Umständen fühlt sich die betroffene Person sogar angegriffen. Misophoniker wollen dem Geräusch um jeden Preis entkommen. Oft greifen sie ihre Triggerperson in Gedanken körperlich oder verbal an. Die wenigsten setzen diese Gedanken jedoch in die Tat um.

Fehldiagnosen

Sprechblase mit den Fehldiagnosen für Misophonie
Bild: Andreas Seebeck

Viele Misophoniker leiden aufgrund von Fehldiagnosen. Diese sind fast unvermeidlich, denn bisher ist Misophonie in medizinischen und psychologischen Kreisen nahezu völlig unbekannt. Ich fragte Mitglieder einer Online-Selbsthilfgruppe für Misophoniker, welche Diagnosen bei ihnen gestellt wurden. Oft genannt wurden: Jähzorn, Trotzverhalten, affektive Störung, Hyperakusis, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung), bipolare Störung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Angst, Autismus, Nervenstörung, Sinnesverarbeitungsstörung, Hochsensibilität, Phobie, typisches Mutter-Kind-Drama, Migräne, Krampfanfälle, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und Depressionen.
Wenn einem Arzt Misophonie unbekannt ist, wird er natürlich eine Fehldiagnose stellen. „Ich weiß nicht, was Ihnen fehlt“ wäre für den Betroffenen besser, besonders, weil die Therapien, die auf eine Fehldiagnose folgen, oft nicht nur nutzlos sind, sondern den Zustand sogar noch verschlimmern.
Vielen Betroffenen wird gesagt, dass alles mit ihnen in Ordnung sei. Andere werden als verwöhnt, verrückt, überempfindlich und arrogant abgestempelt, oder ihnen wird vorgeworfen, dass man ihnen einfach nichts recht machen könne. Vielen wird geraten, die Geräusche einfach zu ignorieren; es sei ja schließlich alles Einbildung.
Misophonie ruft extreme negative Emotionen hervor, und diese führen häufig zu unangebrachtem Verhalten gegenüber anderen Menschen, besonders nahestehenden. Beides, sowohl die Emotionen als auch die darauffolgenden Handlungen, führt oft zu Schuld- und Schamgefühlen. Diese verschlimmern sich selbstverständlich noch, wenn dem Misophoniker auch von außen vorgeworfen wird, dass alles seine Schuld sei.

Wer hat Schuld? Die Kriminalisierung des Umfeldes

Wenn ein Misophoniker auf das Kaugeräusch einer ganz bestimmten Person mit Wut reagiert, liegt der Schluss nahe, dass die Wut gegen diese Person gerichtet ist. Dann liegt der Verdacht nicht fern, dass ein traumatisches Erlebnis mit dieser Person der Grund für die Wut ist. Sogar Psychologen wagen, ihre aus der Luft gegriffenen Vermutungen im Internet kund zutun: „Aus meiner Sicht hat die Misophonie psychologische Ursachen. Anders könne sie sich nicht erklären, dass Patienten Kaugeräusche einer bestimmten Person unerträglich finden, während sie das Schmatzen einer anderen Person überhaupt nicht stört. Es gehe immer auch um die Frage: Welche Bedeutung hat das Geräusch für mich?“ Sogar sexueller Missbrauch wird als mögliche Ursache genannt.
Diese Annahmen wurden schon lange durch hinreichende Untersuchungen widerlegt. Bei der Auswertung von hunderten von Fällen lässt sich eine Art Standard-Szenario für das Entstehen von Misophonie erkennen: Ein Kind, meist im Alter von 8 bis 12 Jahren, steht wegen unterschiedlichsten Gründen unter allgemeinem Stress (Schulnoten, Mobbing, Streit etc.) und sitzt mit der Familie am Esstisch. Ihm wird ein sich wiederholendes Geräusch (Kauen, Schniefen, das Ticken einer Uhr) unangenehm bewusst, es möchte oder darf den Esstisch aber nicht verlassen. Fortan ist genau dieses Geräusch dann Auslöser für die misophonische Reaktion.
Es wird immer wieder deutlich, dass die Kopplung von Geräusch und Reaktion keine kausale Verkettung ist. Es reagieren so viele Kinder auf die Kaugeräusche ihrer Eltern, weil die Esstisch-Situation das Szenario ist, in denen gestresste Kinder, sich wiederholende Geräusche und die schwierige Fluchtmöglichkeit am häufigsten anzutreffen ist. Gegen die kausale Verkettung sprechen auch die ‚technischen‘ Trigger wie das Ticken einer Uhr. Eine Uhr ist über jeden Verdacht erhaben, ein Kind misshandelt oder missbraucht zu haben. Insofern können die Eltern von Glück reden, wenn ihr misophonisches Kind ein Uhrenticken als Trigger hat und nicht ihr Kau- oder Atemgeräusch. Sie müssen sich zumindest nicht mit den Gedanken plagen, was in aller Welt sie ihrem Kind wohl angetan haben könnten, dass es so wütend und angeekelt auf sie reagiert.
Hier einige Erfahrungsberichte aus dem Buch Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier:
Anfangs nahm ich an, dass traumatische Erlebnisse zu Misophonie führen. Die erwies sich aber als falsch, denn die ersten Erfahrungen mit Triggern werden als sehr unspektakulär beschrieben: Eine Patientin sagte folgendes: „Ich saß in der Kirche neben meiner Großmutter und sie schniefte und schniefte. Das war mein erster Trigger.“

Johns Geschichte

John litt als Kind an Angstattacken, die ihm manchmal den Schlaf raubten. Er teilte ein Zimmer mit seinem Bruder, der wegen seiner Allergien laut durch die Nase atmete. Eines Nachts lag John stundenlang wach, hörte diesem Atmen zu und stand schließlich auf, als er es nicht mehr ertragen konnte. Er schlief dann auf der Couch. Seit jener Nacht ist das Atmen seines Bruders sein Trigger. Bei einer solchen Erfahrung, wenn also ein Stimulus (ein Geräusch) einen Reflex auslöst, handelt es sich um eine Pavlov’sche oder klassische Konditionierung. Das laute Atmen des Bruders wurde mit der physiologischen Reaktion von Johns Unbehagens (d.h. der Muskelanspannung) gekoppelt, sowie mit dem emotionalen Leiden, das von seiner Angst und Schlaflosigkeit stammte. Die Atemgeräusche seines Bruders lösten nach dieser Nacht eine konditionierte körperliche und/oder emotionale Reaktion aus. Es scheint so zu sei, dass der Trigger mehr mit dem körperlichen Reflex als mit der emotionalen Reaktion verbunden wird.

Misophonie – Misophonie eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung

Kreidezeichnung mit 5 Personen, eine davon rot eingefärbt
Bild: Shutterstock

Viele halten Misophonie für eine seltene Krankheit. Dabei ist sie das keineswegs.
Über SurveyMonkey.com erhielt ich Umfrageresultate von zufällig ausgesuchten Personen, die absolut nichts mit Misophonie zu tun hatten und nur an Umfragen teilnahmen, um eine Wohlfahrtsorganisation ihrer Wahl zu unterstützen. Der Titel der Umfrage erwähnte weder Geräusche, noch Geräuschempfindlichkeit. Von 310 Personen (50% Frauen, 50% Männer) wiesen 15.2% Reaktionen auf, die auf Misophonie hindeuteten. Frauen (18.6%) waren häufiger betroffen als Männer (11.6%). Eine Krankheit wird als selten eingestuft, wenn höchstens eine von 1500 Personen (0,07%) an ihr leidet. Die Umfrage zeigte, dass etwa 225 von 1500 Personen an Misophonie litten, daher kann sie absolut nicht als „seltene Krankheit“ eingestuft werden. Sie ist eine wenig bekannte, aber dennoch weit verbreitete Störung.
Das Ergebnis lag mit 15% weit höher als ich erwartet hatte, wurde aber durch andere Studien bestätigt. 2014 erschien eine offizielle, durch Fachleute geprüfte Studie, die in der Psychologieabteilung des „South Florida’s College of Medicine“ durchgeführt wurde. An Universitäten ist es üblich, Psychologiestudenten an Umfragen oder anderen Formen von Nachforschung teilnehmen zu lassen. Fast 500 Studenten (84% weiblich, 16% männlich) nahmen an der Studie teil. Die Studie war umfassend genug, um feststellen zu können, wie Misophonie sich auf das Leben der Betroffenen auswirkt. Das Ergebnis war, dass 20% der Teilnehmer eine klinisch bedeutsame Misophonie aufwiesen. „Klinisch bedeutsam“ heißt, dass ihre Trigger ihr Leben stark beeinflussten.
20% schien im Vergleich zu meinen früheren Beobachtungen zuerst ein überraschend hohes Ergebnis zu sein. Es war allerdings zu bedenken, dass 84% der Teilnehmer ja weiblich waren, und so passte das Ergebnis dieser Studie zu dem meiner vorherigen Umfrage, die gezeigt hatte, dass 18.6% aller Frauen misophonische Trigger hatten.
Auf der Website der Firma 23andMe.com, die private DNA-Untersuchungen macht, wurde vor Kurzem in einem Blog eine interne Studie erwähnt, die mit 80.000 Kunden durchgeführt wurde. Die zu beantwortende Frage lautete: „Machen die Kaugeräusche anderer Sie wütend?“ (Ja/nein/ich bin mir nicht sicher.) Ungefähr 20%, meistens Frauen, antworteten mit „ja“.
Wie wir diesen Umfragen entnehmen können, ist Misophonie recht weit verbreitet und betrifft mindestens 15% aller Erwachsenen, wobei die meisten davon Frauen sind. Unglaublich viele Personen leiden still vor sich hin und werden als mürrisch, launenhaft oder reizbar abgestempelt. Gemäß diesen Zahlen, die derzeit durch Untersuchungen nach und nach bestätigt werden, leiden vermutlich allein in den USA über 40 Millionen Menschen an Misophonie.
Wenn Sie willkürlich einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen, und dann eine Person aus einer Menschenmenge herausgreifen, ist es wahrscheinlicher, dass die zufällig ausgesuchte Person an Misophonie leidet, als dass der Arzt oder Therapeut diese Störung kennt.

Statistik: In welchem Alter beginnt die Misophonie?

Misophonie äußert sich nicht bei jedem auf dieselbe Weise. Zwar kommen bestimmte Trigger (Essgeräusche) und emotionale Reaktionen (Wut, Hass und Ekel) häufig vor und oftmals nimmt die Misophonie ihren Anfang im Kindesalter (6-12 Jahre) und verschlimmert sich während der Pubertät. Aber die Misophonie hat viele Gesichter.

Im März 2013 führte ich eine Umfrage mit fast 200 Misophonikern durch, von denen 75% der Teilnehmer Frauen waren. Bei 25% der Betroffenen hatte sich die Misophonie erstmals im Alter zwischen 9 und 10 Jahren gezeigt, bei 21% zwischen 7 und 8 Jahren, und bei 20% mit 11 bis 12 Jahren. Diese Altersgruppen scheinen also typisch für den Beginn der Misophonie zu sein. Es gab aber auch Teilnehmer, die erst 4 oder schon 55 Jahre alt waren, als sich die Störung zu manifestieren begann. Bei einigen verschlimmerte sich ihre Misophonie bereits mit 4 Jahren, bei anderen erst mit 64.
In der folgenden Grafik stellen die dunklen Balken das Alter dar, in dem die Misophonie zuerst auftrat, die helleren das Alter, in dem sie sich verschlimmerte.

Alter bei Beginn der Misophonie

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Titelbild: Andreas Seebeck