Rauschen gegen Misophonie

Rauschgeneratoren

DOHM Schlafhilfe SleepMate und LectroFan sind zwei Beispiele für Rauschgeneratoren, oft als Einschlafhilfe in den Shops zu finden. Man stellt sie auf den Tisch und bei Bedarf drückt man einen Knopf. Dann rauscht es, und im optimalen Fall ist der Trigger nicht mehr hörbar. Manchmal nervt das Geräusch allerdings auch andere Beteiligte, die am Tisch sitzen. Dann greift man doch besser zur geräuschlosen Methode über Kopfhörer.

Rausch-Apps

Misophonische Reaktionen scheinen stärker zu sein, wenn der Trigger das einzige wahrnehmbare Geräusch ist. Wenn es still ist, fällt der Trigger noch mehr auf, da es keine konkurrierenden Geräusche gibt. Wenn es gelingt, die Klarheit des Triggergeräusches mit Hilfe anderer Geräusche zu dämpfen, kann man die misophonische Reaktion minimieren oder gar ganz verhindern. Hier kommt das Rauschen ins Spiel. Das kann weißes oder rosa Rauschen sein, aber auch Regen oder Ozeanwellen funktionieren sehr gut und werden meist als angenehmer empfunden. Nun kann man einfach ein Rauschen bei Youtub suchen und als Dauerschleife abspielen. Aber es gibt auch Apps, die sich aufs Rauschen spezialisiert haben. Zwei davon sind TMSOFT White Noise und White Noise Market. Wenn diese Apps laufen, werden andere Umgebungsgeräusche nicht mehr so laut wahrgenommen. Dabei kann das Smartphone das Rauschen über den Lautsprecher als auch über Ohrhörer mit und ohne Noise Cancelling abspielen. Ein positiver Effekt ist immer vorhanden.

Apps zur Trigger-Entkonditionierung

Misophonia Trigger Tamer, Visual Trigger Tamer, Misophonia Reflex Finder sind Apps, die Thomas Dozier entwickeln lassen hat. Dabei geht man davon aus, dass Trigger, wenn sie so leise abgespielt werden, dass sie den Misophoniker nicht triggern, zur Entkonditionierung beitragen. Dabei ist Bedingung, dass sich der Misophoniker gleichzeitig sehr wohl fühlt. Deshalb spielt die Trigger Tamer App zwei Dateien gleichzeitig ab: Einmal sehr leise das Triggergeräusch und zum anderen eine Musik, bei der sich der Misophoniker möglichst wohlfühlt. Der Visual Trigger Tamer macht das gleiche mit visuellen Triggern. Der kostenlose Reflex Finder spielt lediglich sehr leise den Trigger ab, so dass man seinen Triggermuskel besser spüren kann.

In der Praxis stoßen viele Misophoniker auf Probleme, diese Apps zu nutzen: Mal ist es schwierig, das Triggergeräusch aufzunehmen, mal reagiert man überhaupt nicht auf Trigger, wenn sie ‘vom Band’ abgespielt werden, oder es ist schwierig, in eine positive, fröhliche Grundstimmung zu kommen.

Ein Tipp: Ist man in der Lage, Musik und Trigger gleichzeitig abzuspielen (z.B. auf dem PC mit zwei geöffneten Abspielfenstern), dann kann man die Funktionsweise der Apps damit emulieren und sich die Anschaffung sparen.

Englischsprachige Literatur

Deutschsprachige Literatur zum Thema Misophonie ist (noch) rar. Hier ein Überblick über englischsprachige Literatur zum Thema Misophonie und was Sie davon erwarten dürfen.

Dozier, Thomas H.:Understanding and Overcoming Misophonia: A Conditioned Aversive Reflex Disorder Das englische Original. Mehr zur deutschen Übersetzung finden Sie hier.

Cover Misophonia - Lisa's Hatred of Sounds

Seebeck, Andreas & Homrighausen, Febe:Misophonia – Lisa’s Hatred of Sounds
Die englische Übersetzung. Mehr zum deutschen Original finden Sie hier.

Lott, Joey:How I Solved My Sound Sensitivity Problem (Misophonia): Or How Chewing Sounds No Longer Send Me Into a Rage Ein sehr kurzes Ebook, in dem es darum geht, der misophonischen Reaktion mit Achtsamkeit zu begegnen.

Krauthamer, Judith T.: Sound-Rage: A Primer of the Neurobiology and Psychology of a Little Known Anger Disorder Ein etwas theorielastiges Buch, das sich eher auf die neurologischen Zusammenhänge als auf Lösungen konzentriert.

Hayes, Shaylynn: Full of Sound and Fury: Suffering With Misophonia Enthält hauptsächlich Erfahrungsberichte sowie die Abschriften der Behindertengleichstellungsgesetze mehrerer englischsprachiger Länder.

Mckenzie, Duncan Alexander: The 4S Handbook. Selective Sound Sensitivity Syndrome Kleines Büchlein, das eher an der Oberfläche bleibt.

Eccles, Rachael:Noise Sensitivity: Overcome Sensitivity to Noise (Misophonia), Three Track Self Hypnosis Hypnotherapy CD Englischsprachige CD mit Anleitung zur Tiefenentspannung, während der vorgeschlagen wird, den Triggergeräuschen weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Also kein sehr erfolgversprechender Ansatz, der aber im Einzelfall helfen kann.

Bose QC20 bei Misophonie

Bose QC 20

Ein Testbericht von Andreas Seebeck

Noise-Cancelling bei Misophonie

Inwieweit helfen Kopfhörer mit aktiver Umgebungsgeräuschunterdrückung wie der Bose QC20 bei Misophonie?
Das Aushalten von Triggern verschlimmert die Misophonie dauerhaft, das ist mittlerweile bekannt. Aber was, wenn es gerade schwierig ist, sich an einen triggerfreien Ort, eine triggerfreie Oase zurückziehen kann? Dann können Ohrstöpsel und Kopfhörer helfen, um dem emotionalen und physiologischen Stress zu entkommen. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, wie die Bose QC20 oder QC25 können bei Misophonie recht nützlich sein. Ganz neu gibt es auch die kabellose Variante, die Bose QuietComfort® Earbuds. Jedoch benötigen Sie zusätzlich meist noch ein Rauschen, um Ihre Trigger wirklich ausreichend zu blockieren.

Ich benutze die QC20 jetzt seit 2015 und mag sie, weil

  • sie sehr bequem zu tragen sind
  • sie eine sehr lange Akkulaufzeit haben (über 6 Stunden)
  • sie Geräusche sehr effektiv wegfiltern
  • und nicht zuletzt, weil sie auch ohne weiteres Gerät einsetzbar sind

Allerdings gibt es auch einen Nachteil: Die Kabel stören oft und sind sehr auffällig. Die Dinger heimlich zu benutzen ist nicht möglich.

Kopfhörer mit Rauschunterdrückung QC20

Wichtig: Die Unterdrückung von Umgebungsgeräuschen hängt stark davon ab, wie Ohrform und Ohrhörer zusammenpassen. Ich habe schon Klienten gehabt, die aufgrund ihrer Ohrform nicht den geringsten Unterdrückungseffekt wahrnehmen konnten. Deshalb ist es wichtig, dass man die Kopfhörer in der Praxis testen und gegebenenfalls wieder zurückgeben kann!

Bose QC20 bei Amazon

Bose QuietComfort® Earbuds

Bose QuietComfort Earbuds

Ein Testbericht von Andreas Seebeck

Können die neuen Bose QuietComfort® Earbuds bei Misophonie helfen?

Es hat lange gedauert, bis Bose endlich eine kabellose Variante des Modells “QuietComfort 20” herausgebracht hat. Die dicken schwarzen Kabel des Vorgängermodells fallen doch sehr auf, ich hatte mir schon lange das gleiche Modell ohne Kabel gewünscht. Die neuen Bose QuietComfort® Earbuds sind, anders als andere Noise Cancelling Earbuds, glücklicherweise ebenfalls keine In-Ear Kopfhörer. Sie liegen also nur auf dem Gehörgang, müssen nicht hineingesteckt werden. Das erhöht den Tragekomfort: Alle In-Ear Geräte, die ich bis jetzt ausprobiert habe, taten entweder nach kurzer Zeit weh oder, wenn sie bequem saßen, hatten keinen Geräuschunterdrückungseffekt mehr.
Weil ich herausfinden wollte, inwieweit die Bose QuietComfort® Earbuds bei Misophonie helfen, habe ich sie mit verschiedenen Triggergeräuschen getestet: Kauen, Nase hochziehen, Atmen und Husten.

Das Ergebnis

In allen Fällen wurde die Lautstärke der Triggergeräusche erheblich gemindert. Normale Kaugeräusche und Atmen wanderten unter meine Hörschwelle. Bei Nase Hochziehen und Husten habe ich ein moderates Regenrauschen abgespielt, um die Geräusche ganz oder fast ganz auszublenden.

Vorteile

  • Keine Kabel (fällt nicht so auf)
  • Sehr gute Unterdrückung der Umgebungsgeräusche, besonders mit zusätzlich abgespieltem Rauschen
  • Nicht In-Ear (lange bequem tragbar)

Nachteile

  • Nur in Verbindung mit dem Smartphone benutzbar
  • Nicht ganz so bequem wie die QC 20, weil das Gummi etwas weniger weich ist
  • Teuer

Bose QuietComfort® Earbuds bei Amazon

Buch “Ich hasse Geräusche!”

Cover Ich hasse Geräusche

Der Autor beschreibt hier anschaulich am eigenen Beispiel, wie er die Informationen und Ratschläge aus Thomas Doziers Buch über Misophonie umgesetzt hat und sein Leben gestaltet, um mit Misophonie zu leben. Im Buch stecken viele Ansätze, um trotz Misophonie an Lebensfreude und Lebensqualität zu gewinnen. Zum Beispiel gibt es Vorschläge, wie man mit den Angehörigen über Misophonie sprechen kann, sowie eine Misophonie-Ampel, um einfach und unkompliziert seinen aktuellen Gemütszustand zu kommunizieren. Ich finde dieses Buch sehr hilfreich und besonders im Zweiergespann mit Doziers Buch sehr sinnvoll, weil hier konkret auf die Umsetzung im Alltag eingegangen wird.

Hier der Link nach Amazon und zur Seite des Autors www.misophonie-buch.de.

Buch “Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche”

Buchcover "Misophonie - Lisas Wut und die Geräusche"

Kompakt und leicht verständlich: Wie entsteht Misophonie und was kann man tun, um sie in den Griff zu bekommen?
Das Buch “Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche” beschreibt anschaulich und mit vielen farbigen Illustrationen, wie sich Misophonie anfühlt und was Sie als Betroffener oder Angehöriger tun können, damit die Misophonie nicht immer schlimmer, sondern besser wird.

Lisa reagiert mit Wut und Ekel auf ganz normale, leise Geräusche. Sie weiß gar nicht, was mit ihr los ist und mit ihr leidet ihre ganze Familie. Dann stellt sich heraus, dass Lisa Misophonie hat und damit nicht alleine steht.
Viele Menschen sind von Misophonie betroffen, doch meist dauert es lange, bis sie auch nur erfahren, dass es einen Namen für ihr Problem gibt. Ihr Sozialleben ist oft extrem beeinträchtigt, die Suche nach Hilfe schwierig, denn auch in der Therapeuten- und Ärzteschaft ist Misophonie noch weitgehend unbekannt.
Da Misophonie in den meisten Fällen im Alter von 8 bis 12 Jahren beginnt, ist Lisa ein typisches Beispiel, in dem sich sicher viele Betroffene wiedererkennen werden.

80 Seiten, Hardcover, farbig

Leseprobe im Shop des Verlages

Interview Seebeck mit dpa-Journalistin Wittke-Gaida: “Wenn Ess-Geräusche Wut auslösen”

Andreas Seebeck und Jelle Homrighausen

Hilfe für Misophoniker kommt aus Lohne – Erkrankung noch wenig erforscht

Das Knacken einer Möhre wird für Misophoniker zum Horrortrip. Andreas Seebeck versucht, Betroffenen mit einer Methode zu helfen, die an der Uni Amsterdam entwickelt wurde.

LOHNE/BIELEFELD – Es schmatzt und knackt – und ist kaum zu ertragen. Die speziellen Kaugeräusche, die man beim Essen mit Zunge, Kiefer und Mund verursacht, treiben manche Menschen in den Wahnsinn. Wem es so geht, der leidet eventuell unter Misophonie.
Der Name setzt sich aus dem griechischen „Misos“ für Hass und „Phone“ für Geräusch zusammen: „Hass auf Geräusche“ also. Misophoniker können auch auf andere Auslöser anspringen, etwa das Hämmern des Kollegen auf Computertastaturen. Aber die Mehrheit erträgt keine Kaugeräusche.
„Ich kann es nicht haben, wenn ich Mama essen höre. Darf ich das Radio anmachen?“ Mit diesem Satz schockte Jelle Homrighausen als Zwölfjähriger seine Eltern am Mittagstisch. Wenig später fing er an, alle Situationen zu meiden, bei denen gegessen wurde. „Am Tisch habe ich mich möglichst weit weg gesetzt von meiner Mutter. Ich bekam schon Wut, wenn ich nur ihre Kieferbewegungen sah. Dann habe ich auf meinen eigenen Teller gestarrt und bin so schnell wie möglich aufgestanden“, erzählt Homrighausen. Das Schlimmste für ihn sind Kaugummi kauende Menschen.
Andreas Seebeck, sein Vater und psychotherapeutischer Heilpraktiker in Lohne (Kreis Vechta), erkannte in den Symptomen Anzeichen einer Phobie. „Ich nannte sie Kauphobie. Doch keine Therapie half“, erinnert sich Seebeck. Was folgte, war eine jahrelange Tournee von Therapeut zu Therapeut, von Psychologe zu Psychologe. Unterbrochen von Anti-Aggressionsseminaren, Hypnosesitzungen und Klopftherapien. „Nichts hat etwas gebracht. Ganz im Gegenteil. Gerade durch Konfrontationstherapien, mit denen Phobien behandelt werden, wurde alles noch viel schlimmer“, so Seebeck.
Weil es in Deutschland weder Wissen noch Literatur über Misophonie gab, machte sich der Therapeut im Ausland schlau. Er fand Erklärungen in einem Misophonie-Buch des Amerikaners Thomas Dozier. „Ich war verblüfft, wie viele Leute daran leiden. Internationale Studien schätzen vorsichtig, dass jeder 10. bis 20. auf Geräusche anspringt, die er nicht aushalten kann“, sagt Seebeck.
Das Phänomen unterschätzt hatte auch die Universität Bielefeld: Um herauszufinden, ob es sich um eine psychische Störung handelt oder um ein Begleitsymptom einer anderen Erkrankung, startete Wissenschaftlerin Hanna Kley 2018 eine Studie zu Misophonie. Statt 20 bis 30 gesuchter Probanden meldeten sich innerhalb kürzester Zeit 200 Menschen.
Kley: „Wir haben im ersten Schritt Interviews mit Betroffenen geführt, die angaben, unter ihrer Geräuschempfindlichkeit, zum Beispiel in Bezug auf Kaugeräusche, so zu leiden, dass sie sich im Alltag eingeschränkt fühlen.“ Das könne der Fall sein, wenn Menschen vermeiden, Bus oder Bahn zu fahren – neben ihnen könnte ja jemand eine Brötchentüte auspacken.
Auffällig ist für Kley, dass sich die Geräuschempfindlichkeit besonders oft auf nahestehende Angehörige konzentriert. „Das belastet zusätzlich, weil die Betroffenen ausgerechnet gegenüber geliebten Menschen in bestimmten Momenten Wut und Hass empfinden.“
Andreas Seebeck versucht inzwischen selbst, Misophonikern zu helfen. Er sammelt Erfahrungen mit einer Methode, die Wissenschaftler der Universität Amsterdam entwickelt haben, indem sie die auslösenden Geräusche verfremden, sie schneller oder langsamer, höher oder tiefer abspielen. Das könne leichte Verbesserungen bringen. Sein Sohn mag nichts mehr ausprobieren. Bei ihm ist über die Jahre noch eine Depression dazugekommen. „Seit ich Medikamente dagegen nehme, ist wenigstens die extreme Wut weg“, gesteht der heute 27-Jährige.

Foto: Markus Hibbeler/dpa-tmn

Interview Andreas Seebeck mit Bild Online: “WENN ESSGERÄUSCHE WUT AUSLÖSEN”

Hier lesen Sie das ungekürzte Interview, dass ich Januar 2018 mit der Bild Online geführt habe:

B.O.: Ist Misophonie eher eine körperliche oder psychische Krankheitsform?

Portraitbild Andreas Seebeck

Seebeck: Misophonie ist wohl neurologisch bedingt. Das sogenannte Reptiliengehirn interpretiert ein Geräusch oder auch einen visuellen Reiz als Angriff. Die Reaktion darauf, die sich nicht bewusst steuern lässt, ist starke Wut oder Ekel – das wird aversiver konditionierter Reflex genannt. Zu diesem Thema wird zur Zeit viel geforscht.

B.O.: Welche Ursachen hat Misophonie?

Seebeck: Hört jemand unter großem Stress ein sich wiederholendes Geräusch, so wird beides miteinander verknüpft. Eine typische Situation: Das Kind kommt gestresst von der Schule zum gemeinsamen Mittagessen. Dort fallen ihm plötzlich die Essgeräusche eines Familienmitgliedes auf. Es muss am Tisch sitzen bleiben, was zu noch größerem Stress führt. Schon ist ein ganz normales Essgeräusch zum Trigger geworden. Das kann prinzipiell jedem und auch in jedem Alter passieren, häufig beginnt die Misophonie aber im Alter von 8 bis 12 Jahren. Essgeräusche sind übrigens die häufigsten Trigger, zu Beginn sogar oft nur die Essgeräusche einer einzigen Person. Das ist das Interessante: Es muss kein traumatisches Erlebnis zugrunde liegen, die Misophonie entsteht in der Regel in einer ganz normalen Alltagssituation. Die Ursache liegt also nicht im Fehlverhalten einer anderen Person. Die Belastung ist für die Betroffenen und ihre Familien ungeheuer groß: Man steht sich nahe, man liebt sich, trotzdem werden Kinder von Eltern oder auch Eltern von Kindern getriggert.

B.O.: Sind eher Männer oder eher Frauen betroffen?

Seebeck: Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer: Etwa 20 % aller Frauen und 12 % aller Männer leiden unter misophonischen Triggern. Misophonie ist also eine weit verbreitete, aber trotzdem noch wenig bekannte Störung. Viele Menschen leiden darunter, ohne zu wissen, dass es für ihr Problem einen Namen gibt und glauben, dass sie allein damit stehen. Sie ziehen sich sozial zurück und werden oft als mürrisch, launenhaft oder reizbar abgestempelt.

B.O.: Gibt es Menschen, die eher davon betroffen sind als andere? (labilere Personen?)

Seebeck: Es gibt Menschen, die eher schlechter bei störenden Geräuschen weghören können als andere. Sie sind offener und ungeschützter ihren Sinneseindrücken gegenüber und daher anfälliger, Trigger zu entwickeln. Misophoniker sind überdurchschnittlich kreativ und intelligent. Die Firma 23andme, die private DNA-Analysen macht, konnte nach Auswertung von 80.000 Kundendaten auch einen genetischer Marker in Zusammenhang mit Misophonie bringen. Ein starker Risikofaktor ist aber auch Stress.

B.O.: Wie äußern sich die Beschwerden?

Seebeck: Geräusche (oder eine Bewegung, Trigger können auch visuell sein), die andere nicht einmal wahrnehmen, führen zu einem Fehlalarm im Gehirn: Du wirst angegriffen, wehr Dich! Die extreme Wut, die das hervorruft, kann man nicht unterdrücken oder ignorieren. Kleine Kinder rufen dann oft verzweifelt: “Mama, Du kaust so laut!”. Die übrige Familie ist ratlos, weil niemand sonst irgendwelche Kaugeräusche wahrgenommen hat. Für Misophoniker ist ein normaler Schul- oder Arbeitsalltag nur schwer zu bewältigen, denn um einen herum wird ständig gekaut, geschnieft und getrunken, geklickt und getippt. Diese Geräusche können auch sehr leise sein, das spielt dabei keine Rolle.

B.O.: Ist Misophonie heilbar? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Seebeck: Die Reaktion auf misophonische Trigger lässt sich auflösen oder zumindest mindern. Viele Misophoniker erfahren schon eine Erleichterung, wenn ihnen bewusst wird, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind und sich über die Misophonie informieren können. Sie können dann der Entstehung von neuen Triggern vorbeugen und dafür sorgen, dass sich vorhandene nicht verschlimmern. Dafür ist es wichtig, den Triggern aus dem Weg zu gehen. Der Versuch, sie auszuhalten, sorgt oft dafür, dass neue Trigger hinzukommen oder bestehende sich ausweiten.
An Therapiemöglichkeiten gibt es z.B. die Neural-Repatterning-Technik (NRT), die in der Verhaltenstherapie “Konfrontation unter Entspannung” genannt wird.
Ein großes Problem ist, dass die wenigsten Therapeuten bisher überhaupt von Misophonie gehört haben. Hier muss meist der Klient dem Therapeuten die Krankheit erklären, damit nicht die falsche Methode angewendet wird (z.B. Konfrontation unter Stress).
Glücklicherweise steht die Forschung nicht still. Mit einer Methode, die wir TBT-Auditiv nennen und die u.a. auf Erkenntnissen der Misophonieforschung der Universität Amsterdam beruht, lassen sich Triggerreaktionen sehr schnell verringern.
Bei dieser Methode, die von der Australierin Rehana Webster eigentlich für eine ganz andere Störung entwickelt wurde, spielt die Verfremdung der Triggergeräusche eine zentrale Rolle. Außerdem kann der gezielte Einsatz von Entspannungsmethoden wie der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson oder körperbasierten Techniken wie dem myofaszialen Muskelzittern (TRE) sehr hilfreich sein.
Viele Misophoniker behelfen sich auch mit Kopfhörern, Ohrstöpseln und sogenannten Tinnitus-Noisern.

B.O.: Was genau ist die Neural-Repatterning-Technik (NRT)? Wie lange praktizieren Sie das schon?

Seebeck: Bei dieser Methode der Dekonditionierung wird dafür gesorgt, dass sich der Klient möglichst wohlfühlt. Seine Trigger werden ihm dann fast unhörbar vorgespielt, so dass dabei keine Wut-Reaktion hervorgerufen wird. NRT wurde von Thomas Dozier in den USA entwickelt. Er war einer der ersten, die zu dem Thema geforscht haben, weil sowohl seine Tochter als auch seine Enkelin davon betroffen waren. In seinem Buch “Misophonie verstehen und behandeln” gibt er auch Hinweise zur Selbsthilfe.
Ich selbst praktiziere NRT seit ungefähr drei Jahren, setze sie mittlerweile aber eher selten ein, weil die TBT-Auditiv-Methode schneller hilft.

B.O.: Wieso ist die Konfrontationstherapie nicht für Misophonie geeignet?

Seebeck: Weil Misophonie im Gehirn ganz anders abläuft als z. B. eine Phobie oder eine Zwangsstörung. Hält man Ängste aus, nimmt der Stresslevel irgendwann wieder ab, was dann einen Lerneffekt hat. Bei Wut oder Ekel funktioniert das nicht. An Wut kann man sich nicht gewöhnen – so wenig, wie man sich an Mobbing gewöhnen kann! Der erhöhte Stresslevel bei einer Konfrontation (wenn es nicht eine Konfrontation unter Entspannung ist) führt in der Regel zur Verschlimmerung der Misophonie.
Leider wird Misophonikern aufgrund von Fehldiagnosen oft empfohlen, ihre Trigger auszuhalten. Ich habe von meinen Klienten schon alle möglichen Diagnosen gehört, die ihnen gestellt wurden: Trotzverhalten, affektive Störung, Hyperakusis, ADHS, bipolare Störung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Phobie, posttraumatische Belastungsstörung und noch viele mehr. Wie gesagt: Es ist ein großes Problem, dass Misophonie unter Therapeuten noch wenig bekannt ist, und man kann natürlich nur etwas diagnostizieren, was man auch kennt.

B.O.: Ist es vorstellbar, dass sich Betroffene von ihrem Partner trennen mussten, weil sie die Geräusche nicht mehr ertragen konnten?

Seebeck: Das kommt sehr oft vor. Ich hatte schon viele verzweifelte Paare in meiner Praxis. Wenn man nur lange genug mit einem Menschen zusammenlebt, können sich alle möglichen Trigger ausbilden. Wenn zum Beispiel die Aussprache eines bestimmten Lautes zum Trigger wird, können Paare nicht mehr miteinander reden, auch wenn sie sich noch so lieben! Ein neuer Partner ist meist nur eine kurzfristige Lösung. Nach einigen Monaten des Zusammenlebens stellen sich erneut Trigger ein. Viele Misophoniker leben sehr einsam: Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle gesellschaftlichen Ereignisse meiden, bei denen gegessen wird – was bleibt dann noch?

Foto: Andreas Seebeck

Behandlungsmethoden bei Misophonie

Der Einsatz von guten Bewältigungsstrategien ist an sich schon eine Behandlungsmethode. Viele Patienten konnten mit Hintergrundrauschen ihre schmerzhafte Misophonie lindern. Auch das „Misophonie-Management-Programm“ hätte von daher hier als Behandlungsmethode aufgeführt werden können. Ich möchte hinzufügen, dass die hier aufgeführten Behandlungsmethoden auf meine persönlichen Erfahrungen sowie frei erhältlichen, bereits veröffentlichten Informationen basieren.

Entspannung des Reflexmuskels

Bild eines meditierenden Mädchens
Bild: Shutterstock

Sie können die Reaktion auf einen Trigger vermindern, indem Sie Ihre Muskeln entspannen. Bewusste Entspannung vor einem Trigger veranlasst Ihr Reptiliengehirn dazu, langsam die Reflexintensität zu senken. Muskelentspannung ist also sowohl Bewältigungsstrategie als auch Behandlungsmethode.
Der Beitrag unter Bewältigungsstrategien erklärte PME (Progressive Muskelentspannung nach Jakobson) detailliert. Um sie als Behandlungsmethode zu verwenden, müssen Sie lernen, Ihre Muskeln auf Kommando zu entspannen, ohne sie zuvor angespannt zu haben.
Ein Trigger kommt selten allein. Die Person neben Ihnen schnieft, kaut oder tippt auf einer Tastatur herum. Trigger dieser Art sind nahezu konstant. Um Ihr Gehirn neu zu vernetzen, ist es notwendig zu lernen, den Muskel Ihres ersten misophonischen Reflexes zu entspannen, bevor Sie dem Trigger ausgesetzt werden. Sie können natürlich auch andere Muskeln entspannen, doch ihr Reptiliengehirn wird nur geschult, wenn Sie im Vorhinein genau den Muskel entspannen, der vom Trigger attackiert wird.

Die Entspannung des Triggermuskels unterbricht die misophonische Reaktionskette nachhaltig

Wenn Sie lernen, den Reflexmuskel zu entspannen, wird er sich weniger zusammenziehen und entspannt sich fast sofort wieder. Ihr Reptiliengehirn wird so während der kritischen „Lernzeit“, d.h. in den ersten zwei Sekunden nach einem Trigger, einen viel entspannteren Muskel vorfinden und so beim nächsten Mal nicht so extrem reagieren. Allmählich verschwindet der körperliche Reflex komplett.
Muskelentspannung vor und während eines Triggers ist keine unwichtige Kleinigkeit. Sie ist vielmehr eine äußerst wirksame Schulung für das Reptiliengehirn. Betrachten Sie es nicht als Progressive Muskelentspannung, sondern als Muskelentspannungsübung, die tägliches Engagement erfordert. Sie können ihr Reptiliengehirn durch die Entspannung Ihres Reflexmuskels völlig umstrukturieren. Die Neural-Repatterning-Technique (NRT), die wir als nächstes besprechen werden, verwendet einen Trigger mit geringer Intensität, um Ihnen die Entspannung zu erleichtern.
Ein Patient hörte im ersten Misophonie-Seminar von den Entspannungstechniken. Nur 8 Monate später war er beim 2013-Seminar als Mitglied des Patientenausschusses anwesend und berichtete, wie es ihm ergangen war. Jahrelang hatte er sich nach seinem Trigger entspannt, um so seine Wut aufzulösen. Jetzt hatte er entdeckt, dass er sich bereits vor dem Trigger entspannen konnte. So konnte er seine Misophonie praktisch eliminieren – und das nur durch Muskelentspannung. Sein Initialreflex bestand in einem Hochziehen seiner Schultern. Als er lernte, seine Schultern vor einem Trigger zu entspannen, reduzierte er damit den Schweregrad seines Reflexes. Sein Reptiliengehirn wurde so umstrukturiert, dass beim nächsten Trigger sein Reflex etwas geringer ausfiel. Mein Artikel „Gegenkonditionierung: Den ersten misophonischen Reflex mit der Neural-Repatterning-Technique behandeln“, (englischsprachig) enthält einen ähnlichen Bericht. Eine Patientin begann erst mit der PME, ergänzte ihre Übungen mit NRT zusammen mit der Trigger-Tamer-App und lernte so, sich während ganz leisen Triggern zu entspannen. Sie konnte in der NRT-Behandlung zwei Trigger völlig eliminieren, setzte das Erlernte dann in Alltagssituationen um und reduzierte so weiter die Anzahl ihrer Trigger.
PME klingt vielleicht banal, aber richtig erlernt und angewendet kann diese Fertigkeit Ihnen helfen, Ihre Misophonie zu lindern oder gar zu eliminieren.

Neural-Repatterning-Technique (NRT)

Wie wir wissen, ist Misophonie ein zweiteiliger Prozess. Sie hören den Trigger, dieser löst einen körperlichen Reflex aus, was wiederum die extremen Emotionen oder die Kampf-oder-Flucht-Reaktion zur Folge hat (siehe untere Abbildung).

Alle Elemente zwischen dem Triggerstimulus und der emotionalen Reaktion

Wenn Sie also den körperlichen Reflex verhindern können, folgt auch keine emotionale Reaktion. Dies ist das Ziel der Neural-Repatterning-Technique. Durch das Reduzieren oder sogar Eliminieren des körperlichen Reflexes wird die Verbindung zwischen dem Trigger und Ihren misophonischen Emotionen (siehe untere Abbildung) unterbrochen.

Die Entspannung des Triggermuskels unterbricht die misophonische Reaktionskette nachhaltig

Es geht also darum, eine Gegenkonditionierung Ihres misophonischen Reflexes zu erreichen.
Die klassische Methode, einfach die negativen Emotionen durch positive Gedanken zu ersetzen, ist für Misophoniker schwierig bis unmöglich, weil in den zwei entscheidenden Sekunden nach dem Trigger die misophonischen Emotionen viel zu stark sind. Aufgrund dieser Problematik begann ich, den Trigger für die Neural-Repatterning-Technique, die ich 2013 entwickelte, zu reduzieren. Zusammen mit dem Trigger wird nämlich auch die Intensität des körperlichen Reflexes abgeschwächt. Es verhält sich damit ähnlich wie mit einer Allergiebehandlung. Wenn jemand eine Erdnussallergie hat, kann schon eine einzige Erdnuss diese Person umbringen. Trotzdem besteht die Behandlungsmethode darin, eine winzige Menge des tödlichen Serums zu injizieren. Wenn die Dosis nur verschwindend niedrig ist, reagiert der Körper mit einer genauso geringen Reaktion darauf. Wenn man das eine Zeitlang macht, gewöhnt sich der Körper schließlich an die Erdnuss und stellt seine Reaktionen ganz ein. NRT funktioniert auf die gleiche Weise. Sie erhalten sozusagen regelmäßig eine kleine Dosis Ihres Triggers, bis Ihr Reptiliengehirn schließlich nicht mehr darauf reagiert.
Der Patient befindet sich dazu während der Behandlung in einem positiven Umfeld – er hört z.B. seine Lieblingsmusik oder redet mit jemandem über schöne Erinnerungen, während seine Trigger fast unhörbar abgespielt werden. So entsteht ein positives Erlebnis, weil die Trigger so schwach sind, dass der misophonische Reflex keine negativen Gefühle erzeugt. Die Behandlung, die auch als Trigger-Tamer-Behandlung bezeichnet wird, war so erfolgreich, dass ich daraus eine App, den „Misophonia Trigger Tamer“, entwickelte.
Es ist ratsam, mit Aufnahmen zu arbeiten, aber es können natürlich auch Trigger live verwendet werden. Die Bewertungsskala des Reflexes reicht von null (keine Reaktion) bis fünf (maximale Reaktion). Die NRT-Behandlung eliminiert den körperlichen Reflex nicht unbedingt komplett, kann ihn aber um einiges reduzieren, so dass er mit der Zeit allmählich abstirbt oder zumindest so schwach bleibt, dass die emotionale Reaktion auf den Trigger stark reduziert wird. Das optimale Ergebnis der Neural-Repatterning-Technique – Behandlung ist eine Eins oder allerhöchstens eine Zwei. Die Person kann bei einer Eins noch positiv, gelassen und glücklich sein. Wir verbinden dann den Trigger mit etwas Schönem, beispielsweise Massage, entspannender oder fröhlicher Musik, je nachdem, was der Patient vorzieht. Einem meiner Patienten gefiel Rockmusik. Obwohl das nicht mein Geschmack ist, funktionierte es für ihn und war ein positiver Stimulus. Eine andere Patientin redete während ihrer Behandlung über ihre Erfolgserlebnisse. Eine Frau verwendete Fotos von ihren Neffen und eine andere von ihrem Hund, die sie einfach fröhlich stimmten. Egal was bei Ihnen die Laune hebt, die Hauptsache ist, dass Sie sich ruhig und glücklich fühlen, um so dem störenden Effekt des Triggers entgegenzuwirken. Konzentrieren Sie sich auf Ihren positiven Stimulus, entspannen Sie sich und lassen Sie Ihr Reptiliengehirn die nötigen Änderungen mit der Hilfe der Trigger-Tamer-App vornehmen.

Marthas Geschichte

Martha, eine 40-jährige Berufstätige, litt bereits ihr ganzes Leben unter ihrer Misophonie. Dank Atemübungen, Entspannungstechniken, geräuschunterdrückenden Kopfhörern und Ohrstöpseln schaffte sie es schließlich, ihre Reflexe zu reduzieren. Es gab zum Schluss nur noch einen Trigger, der sie hin und wieder aus der Fassung brachte. Während sie sich im Rahmen der Vorbereitung auf die NRT-Behandlung eine Aufnahme ihres Triggers anhörte, bemerkte sie ein Muskelzucken hinter ihren Ohren. Daraufhin konnte mit einer zielgerichteten NRT-Behandlung ihr Reflex komplett eliminiert werden. Als er schließlich verschwunden war, löste der Trigger in Alltagssituationen keine negativen Emotionen mehr aus.

Virginias Geschichte

Virginias Misophonie wurde von einem Familienmitglied ausgelöst, das ständig vor sich hin sang. Sie berichtet:
„Ich muss gestehen, ich war zu Anfang recht skeptisch. Als ich jünger war, dachte ich immer, ich wäre die Einzige mit diesem Leiden. Doch nach ungefähr drei Wochen der Behandlung bemerkte ich eine Verbesserung. Langsam wurde der Trigger weniger belastend und schließlich verschwand er komplett. Als ich dann den Trigger in Alltagssituationen hörte, spürte ich keine Wut mehr. Es war wie ein Wunder.“
Die Neural-Repatterning-Technique ist keine unangenehme Behandlung, sondern kann viel Spaß machen. Virginia beschreibt ihre NRT-Behandlung mit der Trigger-Tamer-App wie folgt:
„Ich bin jetzt schon fast 75 Jahre alt und habe mein ganzes Leben bestimmte Geräusche gemieden. Als ich mit der Behandlung begann, hatte ich meine Bedenken. Doch nachdem ich die ganze Sache verstanden hatte, freute ich mich auf meine Behandlung und es war erstaunlich, diese Geräusche plötzlich aushalten zu können. Es hat mein Leben verändert.“

Eine der ersten Personen, die die App kaufte, rief mich an, damit ich ihr bei den Einstellungen helfen konnte, um mit der Behandlung zu beginnen. Kurze Zeit später schrieb mir der Mann: „Ich habe gute Neuigkeiten. Seit zehn Tagen verwende ich die App täglich mindestens eine Stunde lang. Wenn ich mich gut fühle, verwende ich sie sogar bis zu drei Stunden während der Arbeit. Die Lautstärke drehe ich ganz allmählich hoch und steigere die Häufigkeit und Länge des Triggergeräusches (Schniefen). Mitten in einer Unterhaltung mit meinem Mitbewohner bemerkte ich heute, dass er schniefte und dass ich keinerlei Reaktion dabei fühlte. Ich konzentrierte mich dann sogar auf sein Schniefen und erwartete negative Gefühle. Diese blieben jedoch aus.
Außerdem habe ich eine Verbesserung meiner Empfindlichkeit gegen Kaugeräusche festgestellt. Generell spüre ich viel weniger Stress, wenn ich mit dem Trigger rechne. Natürlich gefällt mir das Geräusch immer noch nicht, aber ich komme jetzt viel besser damit klar. Schon allein die Stressreduzierung ist klasse.“
Die NRT-Behandlung heilt Misophonie nicht, kann jedoch den Reflex um einiges reduzieren. Das Ziel dieser Behandlung ist, ihren misophonischen Reflex als eine kleine, stressfreie Reaktion wahrzunehmen, so wie ein Zwinkern. Diese ist nie rein emotional, sondern schließt eine körperliche Reaktion mit ein, die aber sofort wieder verschwindet.
Für einen effektiven Lernprozess ist der richtige Trigger-Intervall wichtig. Dieser sollte so sein, dass der Trigger oft genug zu hören ist, aber keinen Stress auslöst. Die meisten Patienten haben den größten Erfolg mit Trigger-Intervallen zwischen 15 Sekunden und zwei Minuten. Mit der Abnahme Ihrer Reflexreaktion intensivieren Sie den Trigger, damit Ihre körperliche Reaktion immer auf einer Skala zwischen null und fünf bleibt. In manchen Fällen wurde eine Verbesserung nach 100-300 Triggern mit der Trigger-Tamer-App berichtet, es gibt aber auch Fälle, in denen sich der Reflex selbst nach 1000 Triggern nicht reduzierte.
Wenn Sie den Reflex mittels einer Triggeraufnahme auflösen konnten, wechseln Sie zu einer ähnlichen Aufnahme. Wenn Sie bis zu vier Aufnahmen auf der Trigger-Tamer-App aushalten können, sind Sie für Trigger in Alltagssituationen bereit. Sie werden immer noch einen Reflex spüren, doch er wird sehr viel schwächer ausfallen.
Ich schlage vor, dass Sie diese Behandlung 30 Minuten täglich, vier bis sechs Tage die Woche durchführen. Genießen Sie Ihre Behandlung. Lächeln Sie, hören Sie Musik und entspannen Sie sich. Während Sie sich wohlfühlen, setzen Sie sich kleinen Triggern aus. Mit der Trigger-Tamer-App kontrollieren Sie Ihre Trigger. Sie sind der Boss.
Achten Sie darauf, dass Sie tatsächlich einen körperlichen Reflex spüren. Wenn Sie sich einfach genervt oder vom Geräusch angeekelt fühlen, aber keine körperliche Reaktion haben, wird die NRT-Behandlung keinen Effekt haben. Achten Sie darauf, ob sich Ihr Reptiliengehirn wirklich umstrukturiert. Wenn Sie nach ca. sechs Behandlungen weder das Volumen noch die Häufigkeit erhöhen müssen, um Ihre körperliche Reaktion auf Stufe „eins“ beizubehalten, dann hat sich in Ihrem Reptiliengehirn noch nichts verändert. Das heißt, Sie müssen etwas an Ihrer Behandlung ändern.

Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie (SRT)

Chris Pearson
Bild: Chris Pearson

Bevor Chris Pearson seine „Sequent-Repatterning-Hypnotherapie für Misophonie“ entwickelte, zeigte sich die Hypnotherapie bei Misophonie als weitgehend uneffektiv oder bot nur kurzzeitige Linderung. Misophonie wurde von Hypnotherapeuten generell als Phobie behandelt. Aufgrund des physischen Reflexes, der mit der Misophonie zusammenhängt, ist es für Misophoniker unmöglich, nicht auf den Triggerstimulus zu reagieren oder ihn ganz zu ignorieren. Man kann zwar Geräusche ignorieren, jedoch ist es unmöglich, den physischen Reflex auszublenden.
Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie ermöglicht es dem Misophoniker, die körperliche Auswirkung des misophonischen Reflexes zu spüren, ohne eine emotionale Reaktion darauf zu haben. Der Kontext einer physischen Empfindung kann eine große Auswirkung auf die darauf folgende emotionale Reaktion haben. Wenn eine Krankenschwester Ihnen eine Spritze verabreicht, bleiben Sie vermutlich vollkommen ruhig. Doch wenn irgendeine Person Sie mit einer Nadel sticht, reagieren Sie garantiert stark emotional. Während der Therapie wird über mehrere Sitzungen hinweg eine entspannende Reaktion aufgebaut. Der Patient lernt, auf die körperliche Empfindung mit diesem beruhigenden Gefühl zu reagieren, statt wie normalerweise mit Ärger. Wie unten gezeigt löst die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie die emotionale Reaktion vom körperlichen Reflex und ersetzt sie durch eine positive emotionale Reaktion.

Mit SRT wird der Muskelreflex umgelenkt, indem er positiv belegt wird.

Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie besteht aus fünf Behandlungsschritten, die normalerweise bis zu acht Hypnotherapiesitzungen erfordern. In den ersten drei Schritten wird das emotionale Gleichgewicht des Patienten gestärkt und ein Beruhigungsreflex entwickelt. Schritt vier unterbricht die Verbindung zwischen der emotionalen misophonischen Reaktion und dem körperlichen Reflex und ersetzt diesen durch den Beruhigungsreflex. Da die meisten Misophoniker normalerweise auf alle ihre Trigger mit dem gleichen Reflex reagieren, reduziert dieser Schritt die emotionale Reaktion auf alle Trigger gleichzeitig. Im fünften Schritt wird dann jeder Trigger einzeln angegangen, um die Verbindung zwischen dem körperlichen Reflex und dem Triggerstimulus zu unterbrechen.
Im Jahr 2013 behandelte Chris Pearson 15 Patienten mit der Sequent-Repatterning-Hypnotherapie. Diese bewerteten ihren Misophonie-Schweregrad in „Stresseinheiten“ (1: vernachlässigbar bis 10: schwerwiegend). Bei neun dieser Patienten verbesserte sich ihre Misophonie drastisch. Sie bewerteten sie nach der Behandlung mit Werten zwischen eins und drei. Vier Patienten zeigten eine mäßige Verbesserung um etwa vier bis sechs Stresseinheiten. Eine Person brach ihre Behandlung ab und eine weitere sprach auf die Behandlung nicht an. Im Mai 2015 wurde eine Nachuntersuchung mit elf der dreizehn Patienten durchgeführt, die mit der Behandlung Erfolg hatten. Sechs davon hatte der Erfolg angehalten, bei vieren hatte sich ihr Zustand ein wenig verschlechtert und ein Patient mit mäßiger Verbesserung hatte einen Rückfall erlitten. Die Patienten wurden angewiesen, täglich eine einminütige Beruhigungsübung durchzuführen. Bei fünf der sechs Patienten, die mit dieser Übung konsequent waren, blieb der Erfolg konstant.
Chris Pearson und das Misophonie-Behandlungsinstitut sind dabei, ein Schulungsprogramm für Hypnotherapeuten in die Wege zu leiten, damit mehr Betroffene von dieser Methode profitieren können. Bislang wurden vier Hypnotherapeuten geschult: drei englischsprachige, ein holländisch- und ein deutschsprachiger. Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie kann über Video-Chat durchgeführt werden, also benötigen Sie nur eine gute Internetverbindung. Wir sind noch in der Anfangsphase dieser Methode, aber die Resultate unserer bisherigen Patienten machen uns Hoffnung, dass sie vielen Misophonikern helfen kann. Bislang haben wir keine Beschränkung des Anwendungsbereichs entdeckt und konnten sogar Kinder erfolgreich behandeln.
Eine erfolgreiche Behandlung ist schon mit den ersten vier Schritten der Therapie möglich, in denen die miso-emotionale Reaktion vom körperlichen Reflex gelöst wird. Der letzte Schritt, der den körperlichen Reflex komplett beseitigt, schlägt nur bei sehr wenigen Patienten an. Aber den misophonischen Schweregrad von mäßig auf gering oder von schwerwiegend auf mäßig zu senken, ist bereits ein großer Erfolg.
Die Sequent-Repatterning-Hypnotherapie mit anderen Behandlungen wie der NRT oder der Muskelentspannung zu verbinden, kann sicherlich zu noch weiteren Verbesserungen führen. In einigen Fällen konnten Patienten mit SRT zwar ihre emotionalen Reaktionen zum Trigger eliminieren, doch der körperliche Reflex störte sie weiterhin. Daraufhin wurde NRT eingesetzt, um diesen zu reduzieren. In einem Fall gelang sogar die komplette Beseitigung des Reflexes. Wenn NRT als Folgebehandlung nach SRT eingesetzt wird, ist diese Therapie weit schneller und allgemein effektiver als in den Fällen, in denen sie als erste Behandlung angewendet wurde. Der Grund dafür ist, dass Trigger weit aggressiver angegangen werden können, wenn die emotionale Komponente nicht mehr existiert.

Nachtrag: Die deutsche Therapeutin, von der hier die Rede ist, praktiziert leider nicht mehr. Ich informiere sofort über neue Therapeuten, wenn ich von ihnen höre. Hier noch die Antwort von Chris auf meine Anfrage, vielleicht fühlt sich ja der eine oder andere Hypnotherapeut angesprochen: Andreas, Thanks for getting in touch. Our German-speaking therapist was, in fact, a resident of The Netherlands and she has sadly been very unwell. As far as I am aware, she is now not practising leaving us again with only English-speaking practitioners. I am very keen to increase the availability of sequent repatterning and will welcome an opportunity to train individuals or groups either here in UK or in Germany (Or elsewhere, of course.)

Verhaltenstherapie

Schriftzug VT - Verhaltenstherapie
Bild: Andreas Seebeck

Kognitive Verhaltenstherapie identifiziert problematische Muster in den Gedanken, Gefühlen und dem Verhalten einer Person. Gemeinsam versuchen Patient und Therapeut, diese dann durch ein angemesseneres Verhaltensmuster zu ersetzen. Außerdem gibt es spezielle verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die sich besonders auf die Reaktion des Patienten auf bestimmte emotionale Situationen konzentrieren.
In einer Fallstudie wird die Behandlung einer jungen Misophonikerin mit kognitiver Verhaltenstherapie beschrieben. Ihre zwischenmenschlichen Kompetenzen verbesserten sich nachhaltig. Auf ihre Triggerstimuli aber hatte die Behandlung keinen Einfluss.
Die Therapie umfasste die folgenden Komponenten:

  1. eine kognitive Komponente gegen negative Gedanken,
  2. eine Verhaltenskomponente, um unangemessene Verhaltensmuster und ängstlich-vermeidende Bewältigungsstrategien durch praktische und hilfreiche zu ersetzen,
  3. eine physiologische Komponente, um die autonome Reaktionsfähigkeit neu einzustellen.

Es konnte nur schwerlich bewertet werden, ob die Patientin die letzte Komponente, eine tägliche, 30-minütige Übung, tatsächlich durchgeführt hatte. Die Behandlung beseitigte anscheinend die konditionierte emotionale Reaktion auf die Trigger, hatte aber auf den körperlichen Reflex keinen Einfluss. Die Patientin empfand die Geräusche also weiterhin als störend, da sie einen Reflex spürte.

Eine weitere Fallstudie beschreibt die verhaltenstherapeutische Behandlung zweier Teenager im Alter von 11 und 17 Jahren. Sie umfasste Psychoedukation – die Aufklärung über die Störung, in diesem Fall Misophonie -, Expositionen und kognitive Umstrukturierungen, um die Patienten darin zu unterstützen, ihre Trigger zu tolerieren, ohne aggressiv zu werden, oder zu versuchen, sie zu vermeiden. In der Exposition wurden die Patienten immer stärkeren Triggern ausgesetzt und es wurde ihnen beigebracht, ihre Reaktionen zu unterdrücken. Bei dem 11-Jährigen wurde ein Belohnungssystem angewendet, wenn er es schaffte, sich den Triggern auszusetzen. Der 17-Jährige wurde nicht belohnt. Mit kognitiver Umstrukturierung wurden ihre Ansichten bezüglich der Geräusche bearbeitet, z.B.: „Meine Familie macht diese Geräusche mit Absicht, nur um mich zu ärgern“. Nach der Behandlung konnten beide Jugendliche mit ihren Familien zusammen essen, ohne dass besondere Maßnahmen ergriffen werden mussten. Gemäß ihren Selbstbewertungs-Fragebögen zeigten beide Jugendliche nach der Behandlung eine Senkung ihres Misophonie-Schweregrades, wobei diese bei dem 11-Jährigen minimal ausfiel. Die Fallstudie beinhaltet keine Nachuntersuchungen, daher wissen wir nichts über den weiteren Verlauf.
Ich spreche mich deutlich gegen diese Art von Expositions- bzw. Konfrontationsübungen aus. Bei diesen wird der eigentliche körperliche Reflex nicht behandelt. Ich befürchte, dass der 11-Jährige die nach außen hin sichtbaren Reaktionen nur unterdrückte, um die Belohnung zu bekommen, innerlich aber weiterhin unter starkem Stress stand. Auf diese Weise können sich neue Trigger und weit stärkere misophonische Reflexe entwickeln. In vielen Fällen verschlimmerte sich die Misophonie bei dieser Art von Behandlung.
Kognitive Verhaltenstherapie kann Ihnen dabei helfen, mit Ihrer Misophonie besser umzugehen, indem Sie Ihre Einstellung gegenüber Ihren Triggern ändern. Viele Patienten bestätigen die positiven Ergebnisse dieser Behandlung. Sie wird auch vom Misophonie-Management-Programm als Behandlungsmethode empfohlen, durch die die Misophonie selbst zwar nicht geheilt oder gelindert werden kann, mit deren Hilfe Patienten aber erlernen können, sie als einen Teil von sich zu akzeptieren und mit ihr zu leben.

Konfrontationstherapie bei Misophonie: Wann sie hilft und wann sie schadet

Fakt ist, dass Konfrontationstherapie bei Misophonie leider nicht so einfach funktioniert. Wenn unter Misophonie leidende Menschen akustischen Auslösern schonungslos ausgesetzt werden, weil man hofft, dass sie sich dadurch irgendwann daran gewöhnen werden, wird das schief gehen. Es ist wohl einer der schlechtesten Ansätze, wenn der Therapeut sagt: „Sie setzen sich jetzt hier hin, während ich eine Tüte Chips esse, und wenn wir das nur oft genug wiederholen, wird das Ihrer Misophonie bestimmt helfen.“ Es gibt nur sehr wenige Berichte von Erfolgen durch diese Methode – und sie kann auch nur funktionieren, wenn die Betroffenen diese Art der Therapie selbst wünschen und sich entsprechend einbringen. Bei Kindern ist diese Methode unbedingt zu vermeiden. Bei Konfrontationstherapien werden die Betroffenen dem Trigger für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt – zunächst nur kurz, später dann immer länger. Das Problem dabei ist, dass dadurch der ursprüngliche physikalische Reflex und die darauffolgende emotionale Reaktion verstärkt werden können. Während so eines Therapieprozesses können sich auch neue Trigger entwickeln. Es gibt unzählige Berichte von Personen in Misophonie-Hilfegruppen, die berichten, dass ihre Misophonie sich durch Konfrontation deutlich verschlimmert hat.
Sollte Ihnen also jemand vorschlagen, dass Sie sich ganz einfach Ihren Triggern aussetzen sollen, bis Sie sich daran gewöhnt haben (besonders Therapeuten, die sich nicht auf Misophonie spezialisiert haben), dann würde ich Ihnen dringend einen Therapie- oder sogar Therapeutenwechsel empfehlen.

Es ist aber nicht so, dass jegliche Form der Konfrontation mit Triggern vermieden werden muss. Es gibt korrekte und fatale Formen der Konfrontation. Die gestaffelte und ansteigende Konfrontation mit dem Trigger hat in mehreren Studien und Versuchen, die in Fachzeitschriften publiziert wurden effektive Erfolge und Besserung gezeigt. Es ist wichtig, dass man dabei ruhig und gelassen bleibt und während der andauernden Therapie sogar immer stressfreier wird. Konfrontation unter Entspannung heißt das in der Verhaltenstherapie. Trotzdem sollte man sich heftigen akustischen Reizen, mit der Absicht seine Misophonie zu reduzieren, nicht selbst aussetzen. Wahrscheinlich wird man Sie während der Therapie bitten, dass Sie sich akustische Reize anhören, jedoch wird man Ihnen vorher auch Methoden zur Selbstberuhigung beibringen. Es ist vollkommen in Ordnung, dies mit ein paar kleine Auslösern zu üben und dadurch die Fähigkeit, sich gezielt zu entspannen, zu stärken. Dadurch wird die emotionale Reaktion auf den Trigger stetig vermindert.
Zu empfehlen ist die „Neural Repatterning“-Technik, auch „Trigger Tamer“- Technik  genannt. Diese Therapiemethode verändert und reduziert die Trigger so, dass sie nur noch einen kleinen Misophonie-auslösenden Reiz abgeben. Die Konfrontation findet also in einem sehr kontrollierten Maße statt und der minimale Reiz erlaubt es dem Gehirn, sich umzustrukturieren. Mit Muskelentspannungsübungen wird dem Betroffenen geholfen, alle Muskeln im Körper während der Triggersituation zu entspannen und somit die Reaktion auf den Auslöser zu minimieren. Es ist falsch, dass ausnahmslos alle Behandlungsmethoden, die akustische Reize und Auslöser involvieren, schädlich sind. Aber wie gesagt: Es ist wichtig, dass der Therapeut die Besonderheiten der Misophonie in Bezug auf Konfrontation kennt.

Studie über die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Maßnahmen bei Misophonie

Eine neue Studie zum Thema Misophonie zeigt, dass bestimmte Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie bei Misophonie durchaus wirksam sind. Während man in der Universitätsklinik Amsterdam längst weiß, dass Expositionsübungen nicht dazugehören, werden hierzulande Misophonie-Patienten leider immer noch unnötigerweise mit Trigger-Konfrontationen gequält. Thomas Dozier, Autor von „Misophonie verstehen und überwinden“, hat das Wesentliche der Studie kurz zusammengefasst und ich habe diese Zusammenfassung nun übersetzen lassen:

Die Fachzeitschrift zur Therapie Affektiver Störungen (Journal of Affective Disorders) veröffentlichte im April 2017 den Forschungsbericht einer Misophonie-Behandlungsstudie, die in der psychiatrischen Abteilung der Universitätsklink in Amsterdam durchgeführt wurde. Der Hauptautor Arjan Schröder ist schon als erster Autor der Forschungsstudie „Misophonie: Diagnostische Kriterien einer neuen psychiatrischen Störung“ aus dem Jahr 2013 bekannt geworden.

90 Teilnehmer (65 Frauen und 25 Männer) nahmen an der Behandlungsstudie teil. Patienten mit Suchterkrankungen, bipolaren Störungen, Autismusspektrumsstörungen oder psychotischen Störungen wurden nicht in der Studie mit eingeschlossen. Die Patienten gehörten verschiedenen Altersgruppen an und litten in unterschiedlichen Schweregraden an Misophonie. Der durchschnittliche Schweregrad war „mäßig“ (A-MISO-S-Wert = 13,6).

Die Behandlung umfasste

  1. Gruppensitzungen, wöchentlich oder zweiwöchentlich (8 Sitzungen für Kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungsübungen), mit jeweils 6 bis 9 Teilnehmern
  2. Konzentrationsübungen zur Verbesserung der Aufmerksamkeitsverlagerung
  3. Gegenkonditionierung (Trigger hören und zugleich ein angenehmes Erlebnis verspüren)
  4. Triggermanipulation – Bearbeitung, Verringerung und Veränderung der Trigger auf dem eigenen Computer
  5. Entspannungsübungen

Ergebnis: 58% berichteten von einer deutlichen Verbesserung. Davon kamen fast alle (48%) auf eine mindestens 30% niedrigere A-MISO-S-Wertung. Bei 9% (8 Patienten) verschwanden die Symptome sogar komplett.

Bemerkungen einiger Patienten bezüglich der Behandlung:

  • Die Konzentrationsübungen halfen dabei, die Aufmerksamkeit vom Trigger auf andere Sinnesreize zu verlagern (z.B. eine Unterhaltung).
  • Die Gegenkonditionierung half einigen Patienten, die Trigger mit positiven Gefühlen zu verbinden.
  • Die Triggermanipulationsübung gab den Patienten das Gefühl, dass die Trigger zu einem gewissen Grad kontrolliert werden können. Sie fühlten sich weniger überwältigt, wenn sie den echten Triggern ausgesetzt waren.
  • Die Patienten fühlten sich dank der Entspannungsübungen weniger irritiert und eher dazu im Stande, ihre Trigger zu tolerieren.

Link zum Forschungsbericht

Kurse nach der Methode der Universitätsklinik Amsterdam und Thomas Dozier

Ebenso wie die Experten der Universitätsklinik Amsterdam vertritt auch Thomas Dozier die Auffassung, dass es sich bei Misophonie um eine Störung durch Konditionierung und nicht durch Traumatisierung handelt. Die Gegenkonditionierung beschreibt er in seinem Buch “Misophonie verstehen und überwinden”. Er entdeckte auch, dass jede misophonische Reaktion in Zusammenhang mit einem Muskelreflex steht. Das Einbeziehen dieses Reflexes in die Therapie erhöht die Erfolgschancen erheblich.

Bei Interesse an einem Kurs nach dem Schema der Studie und nach Thomas Dozier melden Sie sich bei mir unter Kontakt.

Neurofeedback

Nahaufname des Kopfes einer Frau, Gehirnwellen im Hintergrund
Bild: Shutterstock

Beim Neurofeedback wird dem Patienten durch Auswertungen der eigenen Hirnstrommuster sein Bewusstseinszustand (zum Beispiel wach, schlafend, aufmerksam, entspannt, gestresst) rückgemeldet. Dadurch wird es ihm ermöglicht, eine bessere Selbstregulationsfähigkeit zu entwickln.
Es gibt keine eindeutigen Aussagen oder veröffentlichte Fallstudien bezüglich der Wirksamkeit von Neurofeedback bei Misophonie. Bei manchen Patienten ist die Behandlung sehr erfolgreich, bei vielen zeigt sie jedoch keine Wirkung. Dr. Randall Lyle aus Cedar Rapids, Iowa, ist ein hochqualifizierter Therapeut mit praktischer Erfahrung in Neurofeedback und hat misophonische Symptome mit dieser Behandlungsmethode reduzieren können. Dies ist jedoch ein langwieriger Prozess, der zwischen 40 und 100 Sitzungen erfordern kann. Gerade wegen dieser langen Dauer hat Neurofeedback womöglich eine eher indirekte Auswirkung auf Misophonie.
Gemäß Dr. Lyle kann eine solche Therapie ergänzend zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen, Stress, chronischer Müdigkeit, Migräne, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), und Zwangserkrankungen eingesetzt werden. Außerdem wird die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden gesteigert.
Da Misophonie mehrere Reaktionsschritte umfasst und Neurofeedback die Reaktion einer Person auf aversive Auslöser abschwächt, ist der primäre Effekt eine schwächere emotionale Reaktion. Der körperliche Reflex, der normalerweise durch die Wiederholung des Triggers und der allgemeinen misophonischen Reaktion gestärkt wird, kann dann möglicherweise ebenfalls schwächer ausfallen. Das Entscheidende dabei ist, dass Neurofeedback Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden verbessern kann. Wenn Sie auf diese Weise Ihre allgemeinen Gesundheitsprobleme beseitigen, reduzieren Sie automatisch Ihre Misophonie-Symptome.
So ähnlich, wie es auch bei Connor war, dem bereits erwähnten Soldaten, der nach seinem Einsatz in Afghanistan an PTBS und Misophonie litt. Er verbesserte seinen Allgemeinzustand mit Progressiver Muskelentspannung und der „Keine Gefahr, aber trotzdem danke“-Methode und konnte so seine Misophonie praktisch eliminieren. Dank der Muskelentspannung konnte er nachts besser schlafen und seine PTBS-Symptome reduzieren. Sein allgemeines Wohlbefinden verbesserte wahrscheinlich sofort seine Misophonie. Da er seine emotionalen Reaktionen auf lange Sicht senken konnte, wurde sein konditionierter misophonischer Reflex immer schwächer und verschwand schließlich vollständig.

Medikamente gegen Angststörungen und Depressionen (Anxiolytika und Antidepressiva)

Ein kleiner Haufen Medikamente
Bild:  Tim Reckmann / pixelio.de

In einer Studie verglichen wir die Auswirkungen verschiedener Behandlungen auf Misophonie. Da einige Teilnehmer mehrere Behandlungsmethoden durchgeführt hatten und nur die letztendliche Gesamtwirkung beschrieben, war es schwer, die Auswirkungen der einzelnen Methoden zu bestimmen. Eine Regressionsanalyse zeigte, dass Medikamente für Angststörungen oder Depressionen einen messbaren positiven Effekt auf den Misophonie-Schweregrad hatten. Ich rate aber von der Einnahme dieser Medikamente als allgemeine Misophonie-Behandlung ab. Wenn Sie jedoch an Depressionen oder Angstzuständen leiden, die nicht mit Ihrer Misophonie zusammenhängen, kann die passende medikamentöse Behandlung dieser Leiden auch Ihre Misophonie verbessern. Die Medikamente scheinen nur eine indirekte, aber dennoch positive Auswirkung auf Misophonie zu haben.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Zeichnung eines Ohres und einer roten Spirale
Bild: Shutterstock

Schon Dr. Pawel und Dr. Margaret Jastreboff verwendeten TRT als eine Behandlungsmethode für Misophonie. Viele Audiologen haben Erfahrung damit, wobei einige sie nur bei Tinnitus und Hyperakusis einsetzen. TRT umfasst den Einsatz von Hörgeräten, die angenehme Geräusche abspielen können, sowie begleitende Beratung. Der Unterschied zum Misophonie-Management-Programm ist, dass letztere Methode nicht mit angenehmen Geräuschen arbeitet. In einer Fachzeitschrift wurde die Behandlung von 184 Misophonikern dokumentiert, 152 davon zeigten eine deutliche Verbesserung. Sie wurden vor und nach der Behandlung gefragt: „Als wie problematisch empfinden Sie Ihre Misophonie?“ und berichteten eine Senkung von mindestens zwei Punkten auf der 0-10-Skala. Ich kann anhand der Daten nicht bestimmen, ob diese Behandlung wirkungsvoller als die mit dem Misophonie-Management-Programm ist, denn dadurch, dass die Daten auf Selbstbewertungen basieren und die berichteten Veränderungen gering sind, ist eine Auswertung sehr problematisch. Patienten werden unbewusst davon beeinflusst, dass sowohl sie als auch ihr Arzt eine Verbesserung sehen wollen, und das spiegelt sich in ihrer Selbstbewertung wider. Wir hoffen natürlich, dass diese Behandlung eine positive Auswirkung auf Misophoniker hat und dass es zukünftig mehr Informationen bezüglich der Tinnitus-Retraining-Therapie und den Vorzügen ihrer individuellen Komponenten geben wird.

Das Blockieren des Reflexes

Es gibt einige misophonische Reflexe, die Sie blockieren können. Meine Lieblingspatienten sind die, deren Reflex die Verengung der Speiseröhre ist, denn dieser ist einer der wenigen Reflexe, die blockiert werden können, bevor sie ausgelöst werden. Sie müssen einfach nur schlucken, wenn sie ihren Trigger hören. Wenn das also Ihr Reflex ist, können Sie sogar schon innerhalb von ein oder zwei Wochen eine Verbesserung erreichen. Schlucken Sie innerhalb einer Sekunde, nachdem Sie den Trigger gehört haben. Auf diese Weise tragen Sie zur Gegenkonditionierung Ihres Initialreflexes bei, können ihn reduzieren und schließlich eliminieren. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass Misophonie eine konditionierte Reflexstörung ist.

Taucherin, Engelfisch im Vordergrund
Bild: Corel Photo

Ein recht üblicher Reflex ist das Schnappen nach Luft. Sie haben ebenfalls Glück, wenn Sie diesen Reflex haben, denn er kann mit einfachem Atmen bewältigt werden. Wichtig ist, die Luft nicht anzuhalten, sondern so zu atmen, wie es Taucher tun. Im Tauchunterricht wurde uns beigebracht, ständig ein- und auszuatmen und niemals die Luft anzuhalten. Würde man das tun, so könnten die Lungen Schaden nehmen. Üben Sie also Unterwasseratmung. Atmen Sie langsam vier oder fünf Sekunden lang ein, und dann im gleichen Rhythmus wieder aus. Wenn Sie so Ihre Atemmuskulatur kontrollieren, werden Sie Ihre Misophonie beträchtlich reduzieren.
Es scheint eine sehr geringe Anzahl von Reflexen zu geben, die man mit einem noch stärkeren Reflex blockieren kann. Wenn Sie einen Weg gefunden haben, einen Ihrer Reflexe auf diese oder eine andere Weise zu hemmen, teilen Sie es mir bitte mit. Vielleicht gibt auch weitere medizinische Behandlungen (z.B. Botox?), die Ihnen geholfen haben. Bitte setzten Sie mich auch darüber in Kenntnis, denn alle derartigen Informationen helfen mir im Kampf gegen die Misophonie.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier

Misophonie-Behandlung mit TBT-Auditiv

Zwei Hände halten die Erdkugel, auf der ein Baum steht
Bild: Rehanna Webster

Die Trauma Buster Technique (TBT) ist eine Methode zur sanften Behandlung von Traumafolgesymptomen. Dass ein kleiner Teil der TBT-Methode (der auf den auditiven Kortex im Gehirn wirkt) bei der Auflösung von misophonischen Triggern hilft, war eine Zufallsentdeckung. Diese TBT-Auditiv-Behandlung rührt keine Traumata an; man muss dazu nur seinen Trigger kennen – mehr nicht.

Nach dem letzten Kompetenztag in Berlin habe ich mit den dort anwesenden Therapeuten eine Arbeitsgruppe Misophonie gegründet. Nun haben wir ein komplettes Behandlungskonzept ausgearbeitet. Denn wir haben festgestellt, dass mit TBT-Auditiv zwar sehr schnell Erfolge zu erzielen sind, die Triggerreaktion aber meist nicht komplett verschwindet. Auch Wiederholen desselben Behandlungsablaufs brachte keine weiteren Verbesserungen. Erst als wir den vollständigen TBT-Prozess auf frühere Ereignisse, die mit dem Trigger zusammenhingen, angewandt haben, fiel die Intensität der Triggerreaktion weiter.

Wir haben Erfahrungen mit mittlerweile 60 Klienten gesammelt, die mit TBT-Auditiv behandelt worden sind. Das Ergebnis ist Folgendes:

  • Bei 10% war der Trigger sofort nach der Behandlung vollkommen und dauerhaft verschwunden
  • Bei 85% wurde die Triggerintensität um etwa die Hälfte reduziert
  • Bei 5% zeigte die Behandlung keinerlei Wirkung auf den Trigger

Der Zeitaufwand beträgt etwa 15 bis 30 Minuten pro Trigger.

In den Fällen, in denen noch keine vollständige Auflösung der Triggerreaktion erreicht worden ist (also in 90% aller Fälle), folgt eine TBT-Behandlung, mit der frühere Ereignisse, die mit dem Trigger zusammenhängen, aufgelöst werden. Nach unserer bisherigen Erfahrung lässt sich dadurch eine weitere Reduktion der Triggerreaktion erreichen. Pro Sitzung kann eines dieser Ereignisse behandelt werden. Meist sind nur ein bis zwei Sitzungen notwendig, um die Triggerreaktion durchschnittlich um 90% zu reduzieren.

Wir möchten hier vorsichtig sein: Bislang scheint die Wirkung dauerhaft zu sein. Allerdings macht die Behandlung mit TBT nicht immun! Jemand, der dazu neigt, misophonische Triggerreaktionen zu entwickeln, wird immer vorsichtig sein müssen, wenn er unter Stress sich wiederholenden Geräuschen ausgesetzt ist. Hier sind alle Tipps von Thomas Dozier hilfreich.

Momentan bieten wir TBT bei Misophonie an 3 Orten an. Ich selbst binde diese Technik als eine Sofortmaßnahme in ein größeres Konzept ein, das insgesamt das Leben mit einer Misophonieneigung verbessern soll.

TBT Auditiv inspiriert durch Amsterdamer Misophonieforschung

Für Menschen, die unter Misophonie leiden, dreht sich alles um ihre Trigger. Jemand, der z. B. auf Essgeräusche reagiert, kann nur noch bedingt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen; bei zu vielen Gelegenheiten wird gegessen.
Seitdem die Studie von Misophonie-Forscher Thomas H. Dozier belegt hat, dass es sich bei Misophonie um eine komplexe Konditionierung handelt, ist klar, dass eine Behandlung nur dann erfolgreich sein kann, wenn der Betroffene entspannt ist und sich in einer positiven Grundstimmung befindet. Und gerade das ist schwierig, weil jede Konfrontation mit Triggern Wut oder Ekel auslöst. Alles andere als gute Voraussetzungen für die Behandlung. Therapeutische Ansätze, die eine entspannte Beschäftigung mit Triggern ermöglichen, werden dringend gesucht. Die Universitätsklinik Amsterdam, die auf diesem Gebiet forscht und auch die „Amsterdam Misophonieskala“ entwickelt hat, versucht es damit, Betroffene ihre Triggergeräusche mit einem Computer verfremden zu lassen (Siehe entspr. Beitrag).

Die Trauma Buster Technique wurde zur Auflösung von Traumafolge-Symptomen entwickelt. Auch hier werden stressbehaftete Erfahrungen auf unterschiedlichste Arten verändert – in der eigenen Vorstellung. Der Ansatz der Forscher aus Amsterdam war Anlass, TBT für die Auflösung von auditiven Misophonie-Triggern einzusetzen.

Klopfakupressur

Das Beklopfen bestimmter Akupunkturpunkte bei gleichzeitiger achtsamer Beobachtung der eigenen Gefühle ist mittlerweile weltweit bekannt und in der Effektivität unübertroffen.

Das übliche Vorgehen funktioniert leider nicht

Leider fällt Misophonie als Konditionierung eines aversiven Reflexes sehr aus dem Rahmen der Beschwerden, die sich mit Klopftechniken leicht auflösen lassen. Bei einer Spinnenangst z. B. würden Sie sich Schritt für Schritt einer Spinne nähern, während Sie gleichzeitig auftretende Emotionen wie Angst oder Ekel durch das Klopfen auflösen. Am Ende können Sie die Spinne sogar problemlos berühren. Bei Fahrstuhlangst nähern Sie sich langsam einer Fahrstuhlfahrt, bei Höhenangst einem Geländer und so weiter. Genau dieses übliche Vorgehen funktioniert bei Misophonie überhaupt nicht! Die Hoffnung, dass Sie sich nur beklopfen müssen, während Sie sich Ihrem Trigger aussetzen, ist vergeblich. Das wäre eine Konfrontation, die die Misophonie sogar noch verschlimmern kann!

Wie Klopfakupressur helfen kann

Trotzdem können Sie Klopfakupressur einsetzen. Das Beklopfen der Meridiane hat eine beruhigende Wirkung. So können Sie die Wut, nachdem Sie getriggert worden sind, durch Klopfen schneller loswerden. Auch wenn Sie vor bestimmten Situationen Angst spüren, weil sie befürchten, getriggert zu werden, können Sie so auflösen. Auch die Kombination mit der “Keine Gefahr, trotzdem Danke”-Technik hat sich bewährt. Benutzen Sie diesen Satz als Erinnerungssatz, währen Sie Ihre Wut auflösen.

Trauma and Tension Releasing Exercises (TRE)

Diese körperbasierte Technik hat sich besonders bei den Misophonikern bewährt, deren Muskelreflex sehr stark ist und die dadurch schon sehr stark verspannt sind. Ich hatte schon Fälle, bei denen allein der Einsatz dieser Technik zur Auflösung der Misophonie geführt hat.

Hintergrund zur Technik: Muskeln fangen an zu zittern, wenn sie entweder überlastet oder verspannt sind. Das Zittern von verspannten Muskeln aber lässt sich bewusst unterdrücken. Da Zittern verpönt ist, unterdrücken wir diese natürliche gesunde Funktion der Muskulatur vom Kleinkindalter an und haben uns als Kind und Erwachsener so daran gewöhnt, dass wir uns dessen nicht mehr bewusst sind. Durch gezielte Übungen kann man den Muskeln das Zittern wieder erlauben. Die Tiefenentspannung, die dadurch erzielt werden kann, ist enorm.

Link zum Youtube-Video von Heiner Steckel über TRE.
Hier ein Video meines Lehrers Heiner Steckel

Zum Schluss: Die Suche nach Therapeuten, die sich mit Misophonie auskennen…

Deutschlandkarte mit Fragezeichen und einem ratlosen Comicgesicht
Bild: Andreas Seebeck

…gestaltet sich schwierig. Wir haben probeweise sämtliche Psychotherapeuten der Landkreise Vechta und Oldenburg abtelefoniert. Kein einziger wusste etwas über Misophonie. Einige hatten sich aufgrund unserer Anfrage im Internet informiert und meinten, sie seien eher nicht zuständig (was bei tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapeuten auch stimmt).

Eine einzige Adresse haben wir (von einem Betroffenen) bis jetzt: ein Ohrenarzt, der sich mit dem Thema auskennt. Er kann Misophonie diagnostizieren und entsprechend dann z.B. Noiser verschreiben, die die Gefahr des getriggert werdens senken. Damit wird man seine Misophonie zwar nicht los, aber es verhindert zumindest eine Verschlimmerung. Seine Adresse: Dr. med. Christian Hellweg, Goethestraße 21, 60313 Frankfurt am Main (Website).

Was nun die Suche nach einem Verhaltenstherapeuten mit Kassenzulassung betrifft: Solange Sie selbst genau über Misophonie Bescheid wissen, genügt es, wenn Sie einen finden, der Sie ernst nimmt. Die Aufklärung über Misophonie und die erforderlichen Behandlungsschritte (Konfrontation unter Entspannung, auf keinen Fall etwas in Richtung Flooding) können Sie dann selbst übernehmen und weiter verfahren. Das ist besser als nichts.

Mit Misophonie leben – Bewältigungsstrategien

Die hier angeführten Bewältigungsstrategien werden zwar nicht Ihre misophonischen Reflexe ändern, können aber deren Auswirkung auf Ihr Leben reduzieren. Gute Bewältigungsstrategien können Ihren Misophonie-Schweregrad um einiges senken und sie sind generell der erste Schritt im Behandlungsverlauf, denn sie bieten sofortige Linderung. In manchen Fällen sind sie sogar ausreichend, um den Schweregrad auf ein akzeptables Niveau zu senken.

Auch wenn Sie nicht selbst betroffen sind, sondern mit einem Misophoniker zusammenleben: Ergreifen Sie alle Maßnahmen vorausschauend und seien Sie konsequent. Wenn Sie beispielsweise Hintergrundgeräusche im Esszimmer verwenden, dann tun Sie es ohne Ausnahmen. Und warten Sie nicht, bis der Misophoniker sich beschwert oder schreiend aus dem Zimmer rennt. Er wird gelassener sein, wenn Sie zuverlässig und vorausschauend seine Trigger minimieren oder sogar ganz eliminieren. Wenn er nicht dauernd vor potentiellen Triggern Angst haben muss, senkt sich sein Angstniveau. Der Schweregrad seiner Misophonie wird stark vermindert, einschließlich der extremen Emotionen, die mit seinen Triggern verknüpft sind.

Offen über Misophonie reden

Sprechblase mit dem Wort Misophonie als Inhalt
Bild: Andreas Seebeck

Wenn wir versuchen, unsere Trigger und die damit verbundenen Gefühle zu beschreiben, verwenden wir meist Alltagsbegriffe. Wir sagen zum Beispiel: „Mir gefällt das Geräusch nicht“, oder „Die Geräusche stören, irritieren oder nerven mich unheimlich“. Das Problem dabei ist, dass diese Ausdrücke Missverständnisse verursachen, denn andere denken dann, dass sie genau wissen, was Sie damit meinen. Wenn Sie z.B. sagen: „Ich mag das Geräusch nicht“, denke ich mir: „Ich mag keine gekochten Rüben“. Ich weiß also angeblich genau, was es bedeutet, etwas nicht zu mögen und nehme an, es ist eine bloße Abneigung Ihrerseits, die man einfach überwinden kann. Oder wenn Sie sagen „Das Geräusch nervt mich“, könnte ich mir denken: „Ich weiß genau wie das ist, denn Hausfliegen nerven mich auch.“ Ich nehme einfach an, dass ich verstehe, wie Sie sich fühlen, wenn Sie einem Trigger ausgesetzt sind, obwohl ich eigentlich keinen Schimmer habe.
Ich schlage daher vor, dass Sie das Wort „Trigger“ verwenden. Die andere Person wird nämlich nicht wissen, was das ist, also können Sie es ihr erklären.
Wenn Sie jemandem deutlich machen, dass ein Geräusch für Sie ein Trigger ist, wird er verstehen, dass es sich nicht nur um eine Abneigung handelt, die man überwinden oder in den Griff bekommen kann. Das ist besonders bei Kindern wichtig, Denn Eltern erwarten generell, dass ihr Kind lernt, Dinge zu tolerieren, obwohl es sie nicht mag. Kinder sollen sich nun mal an Essen, bestimmte Tätigkeiten oder andere Sachen, die ihnen nicht gefallen, gewöhnen. Das gehört zum Erwachsenwerden. Eltern dürfen aber nicht von ihrem Kind erwarten, dass es seine misophonischen Trigger toleriert.
Wenn Sie mit jemanden, der Ihnen nahesteht und Sie triggert, über Ihre Misophonie reden, seien Sie vorsichtig, dass daraus kein persönlicher Angriff wird. Denken Sie immer daran, dass es Ihr Reptiliengehirn und nicht die Person als solche ist, die Sie sowohl physisch als auch emotional angreift. Vermeiden Sie also Ausdrücke wie: „Du treibst mich in den Wahnsinn, wenn Du …“, oder „Ich hasse es, wenn Du so kaust“. Versuchen Sie es lieber mit: „Dieses Geräusch ist ein Trigger für mich“, oder „Wenn ich dieses Geräusch höre, verliere ich einfach die Kontrolle.“ Reden Sie über sich und das Geräusch, nicht über Ihr Gegenüber. Es handelt sich um einen Reflex, daher sollten Sie auf ihr Reptiliengehirn und nicht auf die andere Person sauer sein.
Beschreiben Sie Misophonie als eine neurologische Störung oder eine Reflex-Störung. Sagen Sie beispielsweise:

„Ich leide an einer neurologischen Störung, die Misophonie heißt. Einige ganz normale Geräusche wirken als Trigger und lösen bei mir einen unangenehmen Reflex und extreme negative Gefühle aus. Es fühlt sich an wie ein körperlicher und emotionaler Angriff, so als ob mir jemand eine Ohrfeige verpasst (mit einem Stock oder Viehtreiber in die Rippen sticht, oder wie ein Stromschlag). Wenn ich den Trigger höre, bin ich emotional derartig aufgewühlt, dass ich mich auf gar nichts anderes konzentrieren kann.“

Das ist eine recht genaue und verständliche Definition von Misophonie. Wenn Sie einfach sagen: „Diese Geräusche regen mich auf“, werden andere nicht verstehen was sie meinen. Jeder weiß jedoch was ein Reflex ist und was dabei mit einer Person passiert.

Schaffen Sie eine triggerfreie Oase

Palmen vor untergehender Sonne
Bild: Corel Photo

Die meisten Misophoniker brauchen einen triggerfreien Ort, an dem sie dem emotionalen und physiologischen Stress entkommen können. An diesem Ort hält man sich nicht durchgehend auf, man benutzt ihn nur als Zufluchtsort. Hier kann man sich wieder fangen und logisch darüber nachdenken, wie man seine Misophonie in den Griff bekommt.
Kopfhörer sind häufig Hauptkomponenten einer triggerfreien Oase. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, wie die Bose QC20 oder QC25 sind nützlich. Jedoch benötigen Sie zusätzlich noch eine Rausch-App, um Ihre Trigger ausreichend zu blockieren. Nachdem ich die meisten Marken getestet habe, empfehle ich Bose Kopfhörer oder auch den Parrott Zik 2.0. Ein Problem dieser beiden Marken ist jedoch, dass sie die höheren Frequenzen, so wie sie im Schniefen enthalten sind, nicht neutralisieren. Sollten Sie speziell von solchen Geräuschen getriggert werden, sind die Etymotic MC5 Kopfhörer – Ohrenstöpsel mit integrierten Lautsprechern – eine billigere und bessere Alternative. Auf Dauer gesehen sind Ohrenstöpsel alleine nicht empfehlenswert, da sie die Empfindlichkeit des Gehörs steigern und somit Hyperakusis verursachen können. Während Sie wach sind, brauchen Sie akustische Stimulation, um Ihre Misophonie in den Griff zu bekommen. Es gibt natürlich Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Examen.
Einer meiner Patienten tischlerte in seiner Freizeit. Weil Maschinenlärm sein Trigger war, hatte er sein Hobby aufgegeben. Durch Gehörschutz mit Ohrenstöpseln sowie zusätzliche Hintergrundgeräusche konnte er aber schließlich alle seine Trigger blockieren.
Es bedarf der Kooperation aller Familienmitglieder, um eine triggerfreie Oase zu schaffen. Es sollten Regeln beachtet werden, die festlegen, welche Aktivitäten wo ausgeführt werden dürfen. So kann man eine vorübergehende Lösung schaffen, bis weitere Bewältigungsstrategien angewendet werden können.

Gesundheit und Wohlbefinden

Schriftzug Misophonie & Gesundheit
Bild: Andreas Seebeck

Trigger beeinträchtigen Sie weniger, wenn Sie sich gut fühlen. Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden sind umgekehrt proportional zum Schweregrad Ihrer Misophonie. Damit will ich nicht behaupten, dass eine gesunde Person nie extrem unter Misophonie leiden kann, doch es ist generell so, dass sie sich verschlimmert, wenn man sich unwohl fühlt.
Manche haben bemerkt, dass sich ihre Misophonie noch verschlimmert, wenn sie am Abend zuvor Alkohol getrunken haben. Andere spüren dieselbe Auswirkung, wenn sie zu viel Süßes oder Kohlenhydrate essen. So fragen sich manche Misophoniker, ob sie bestimmte Lebensmittel lieber meiden sollten. Wenn es bestimmte Nahrungsmittel gibt, die Ihr Körper nicht toleriert, dann verschlimmert das Ihre Misophonie. Laktoseintolerante Misophoniker sollten daher auch wegen ihrer Misophonie Milchprodukte vermeiden. Wenn Sie eine Glutenallergie haben, dann meiden Sie Weizenprodukte. Aber nur weil ein Misophoniker seine Störung besser in den Griff bekam, weil er keine Karotten mehr aß, heißt das nicht, dass Sie das gleiche positive Ergebnis damit erzielen können. Bei vielen Misophonikern haben unterschiedlichste Diäten zu deutlichen Verbesserungen geführt, also lohnt es sich, seine Essgewohnheiten zu überprüfen. Regelmäßig Sport zu treiben, gut zu schlafen und ausgewogen zu essen wird Ihre Misophonie sowie Ihre Gesundheit verbessern – eine Win-win-Situation.
Eine Frau hatte einen interessanten Kommentar auf Facebook veröffentlicht: Magnesium hatte ihre Misophonie deutlich verbessert. Daraufhin versuchten viele andere, sich mit Magnesium in unterschiedlichen Dosierungen zu behandeln, aber es schien keinerlei Auswirkung zu haben. Es stellte sich schließlich heraus, dass sie aufgrund von Komplikationen nach einem Beinbruch an chronischen Schmerzen litt. Das Magnesium linderte die Schmerzen und das wiederum linderte ihre Misophonie.
Durch den misophonischen Reflex verschlimmerten sich die Schmerzen im beeinträchtigen Bein. Das Magnesium linderte ihren ursprünglichen chronischen Schmerz, und ihr körperlicher Reflex war danach weniger schmerzhaft.

Triggern aus dem Weg gehen

Schriftzug Trigger, im Vordergrund ein Stoppschild
Bild: Andreas Seebeck

Misophonikern wird in der Regel gesagt, sie sollten sich zusammenreißen und lernen, ihre Trigger auszuhalten. Besonders Kinder wollen nichts verpassen und bleiben daher oft in einem triggerreichen Umfeld, nur um nicht alleine zu sein, oder weil ihre Eltern ihnen gesagt haben, dass sie ihre Trigger ignorieren sollen. Oftmals wollen Misophoniker einfach keinen Ärger machen und in der Hoffnung, dass sie sich allmählich an ihren Trigger gewöhnen, versuchen sie ihn auszuhalten. Man kann sich aber nicht an einen Trigger gewöhnen. Im Gegenteil – der Stress wird von Mal zu Mal größer. Die meisten Patienten geben an, dass sie ein Zimmer erst verlassen, nachdem sie versucht haben, das Geräusch eine Zeit lang auszuhalten. Nur wenige ergreifen sofort die Flucht.
Der Schweregrad der Misophonie einer Person basiert sowohl auf der individuellen Trigger-Erfahrung, als auch auf der Anzahl der Trigger, der sie ausgesetzt ist. Misophoniker reagieren wirklich nur auf ihre persönlichen Trigger, nicht auf Geräusche oder visuelle Eindrücke im Allgemeinen. Die erste Bewältigungsstrategie besteht daher schlicht und einfach darin, die Anzahl der Trigger zu reduzieren. Mehr dazu später.
Vermeiden Sie Ihre Trigger, denn getriggert zu werden verschlimmert Ihre misophonische Reaktion auf zweierlei Weise. Erstens verstärkt sich dadurch der ursprüngliche Reflex, und zweitens können Sie sich weitere Trigger „einfangen“, wenn sie gleichzeitig ein zweites Geräusch wahrnehmen. Um diese Verschlimmerungen zu vermeiden, versuchen Sie, Ihren Triggern aus dem Weg zu gehen. Sie können sich aktiv von ihnen entfernen oder die betreffende Triggerperson bitten, mit dem Geräusch aufzuhören. Auf keinen Fall sollten Sie versuchen, einen Trigger einfach auszuhalten.

Es ist zwar nicht immer möglich, Trigger gänzlich zu vermeiden, doch Sie können Ihre Reaktion und gleichzeitig die Ausweitungsgefahr auf neue Trigger minimieren. Zu diesen Techniken gehört der Einsatz von Hintergrundgeräuschen, z.B. mit einem Ventilator, einem Rauschgenerator, Kopfhörern oder Tinnitus Maskern/Tinnitus Noisern. Wenn Sie auf diese Weise Ihren Triggerreflex minimieren, lindern Sie Ihre emotionale Belastung und es ist weniger wahrscheinlich, dass Sie sich einen neuen Trigger einfangen.
Um Ihre emotionalen Reaktionen zu reduzieren, versuchen Sie, den Trigger als einen körperlichen Reflex anzusehen. Sagen Sie sich: „Da zwickt mich wieder mein Reptiliengehirn. Es ist nicht die andere Person, die mich da attackiert“. In einer Fallstudie gelang es der Patientin damit nachweislich, Ruhe zu bewahren, wenn sie ihren Trigger hörte. Ihr gefielen die Geräusche zwar nicht, aber sie konnte den emotionalen Aufruhr, den sie zuvor verursachten, bewältigen und so neue Trigger vermeiden.
Wenn Sie Ihre Muskeln sofort nach einem Trigger entspannen, können Sie Ihre Wut reduzieren. Das ist leichter gesagt als getan, aber Übung macht den Meister.

Was können Sie also tun, wenn Sie einem Trigger ausgesetzt sind? Ihre erste Option ist, sich von dem Geräusch zu entfernen. Wenn Ihr Kind an Misophonie leidet, geben Sie ihm die Freiheit, sich zurückzuziehen. Wenn es vom Esstisch aufsteht, machen Sie keine große Sache daraus. Wenn Sie sich darüber beschweren, und offensichtlich verärgert sind, üben Sie Druck auf Ihr Kind aus. Es ist wichtig, dass es sich frei entscheiden kann, sich von seinen Triggern zu entfernen.
Als Misophoniker müssen Sie sich vor Ihren Triggern schützen. Wenn Sie stattdessen versuchen, sie auszuhalten, verschlimmert sich Ihre Misophonie nur. Sobald Sie einen Trigger wahrnehmen, entfernen Sie sich am besten sofort. Verwenden Sie Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung zusammen mit einer Geräusch App, um mit weißem Rauschen ihre akustischen Trigger völlig auszublenden.

Bewältigungspläne für die ganze Familie

Die Hände mehrerer Personen liegen aufeinander
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Die ganze Familie sollte am gleichen Strang ziehen, damit der Misophoniker seinen Triggern nicht ausgesetzt wird. Er hat sich schließlich diese Störung nicht ausgesucht und sollte daher auch nicht als einziger Opfer bringen müssen. Die Situation ist vergleichbar mit einer Familie, in der eine Person im Rollstuhl sitzt. Alle sind betroffen und helfen bei der Bewältigung des Alltags. Wenn also ein Kind Misophonie hat und das Kauen des Vaters sein einziger Trigger ist, dann kann mit etwas Planung vermieden werden, dass der Vater in der Gegenwart seines Kindes kaut.
Es ist wichtig, dass der Misophoniker beim Planen miteinbezogen wird. Es kann etwas problematisch mit Kindern sein, die sich eventuell nicht an den Plan halten wollen, doch es ist wichtig, dass die Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. Für Ehepartner gilt das gleiche – ein Plan ist nötig, damit Trigger vermieden werden. Und denken Sie dabei immer daran, das Ganze nicht persönlich zu nehmen.

Sorgen Sie für eine geräuschvolle Umgebung

Misophonische Reaktionen scheinen stärker zu sein, wenn der Trigger das einzige wahrnehmbare Geräusch ist. Wenn es so leise ist, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, dann dreht Ihr Gehör sozusagen seine Geräuschempfindlichkeit hoch und alles hört sich lauter an – auch Trigger. Je lauter ein Trigger ist, desto stärker fällt der misophonische Reflex aus. Wenn es still ist, fällt der Trigger noch mehr auf, da es keine konkurrierenden Geräusche gibt.
Der Klang des Triggers wird in einer stillen Umgebung außerdem viel klarer und reiner wahrgenommen. Wenn es gelingt, die Klarheit des Triggergeräusches mit Hilfe anderer Geräusche zu dämpfen, kann man die misophonische Reaktion minimieren oder gar ganz verhindern.

Das „Misophonie-Management-Programm“

Die Audiologin Martha Johnson entwickelte vor einigen Jahren das „Misophonie-Management-Programm“ (MMP). Bei dieser Behandlungsmethode, die sich in den letzten Jahren etabliert hat, werden zum einen Hintergrundgeräusche im Alltag eingesetzt, zum anderen unterzieht sich der Patient sechs bis zwölf Wochen lang einer Behandlung (kognitive Verhaltenstherapie, dialektische Verhaltenstherapie, etc.), um negative Gedanken gegenüber seinen Triggergeräuschen zu bekämpfen und Bewältigungsstrategien zu erlernen.
Mit einem Ventilator können Sie billig und effektiv ein lautes Hintergrundgeräusch produzieren. Rauschgeneratoren wie die „Schlafhilfe SleepMate“ von DOHM oder der „LectroFan“ sind gerade mal so groß wie ein CD-Stapel. Der DOHM ist eigentlich ein Ventilator, bei dem Lautstärke und Tonhöhe regelbar sind. Der LectroFan produziert das Rauschen elektronisch und bietet zehn Gebläsegeräusche und zehn sonstige Geräusche. Auch bei ihm kann die Lautstärke geregelt werden. Der LectroFan hat derzeit eine positivere Bewertung bei Amazon und verbraucht weniger Strom, aber der DOHM ist bei Misophonikern sehr beliebt. Es ist ratsam, jedes Zimmer mit einem solchen Gerät auszustatten, in dem Sie gewöhnlich Ihren Triggern ausgesetzt sind.
Natürlich können Sie auch mit einem Fernseher oder Radio Hintergrundgeräusche produzieren, doch das ist nicht so ideal wie die oben genannten Geräte, die weißes Rauschen erzeugen. Musik oder Fernsehgeräusche variieren stark in der Lautstärke und blockieren Ihre Trigger nicht vollständig. Sie können auch eine App für weißes Rauschen auf Ihr Smartphone laden und über die Stereoanlage abspielen. Verwenden Sie entweder weißes Rauschen, rosa Rauschen oder Regengeräusche, was auch immer Sie vorziehen.

Kopfhörer

Sie können sich das Hintergrundrauschen des Misophonie-Management-Programms auch mit offenen Kopfhörern anhören, was eine günstige Lösung ist. Wenn Sie eine Geräusch-App auf ihr Handy oder Ihr Tablet herunterladen möchten, empfehle ich die (kostenlose) App White Noise von TMSOFT  (Alle Links zu den genannten Hilfen finden Sie unter “Weiterführende Adressen”).

Diese Kopfhörer werden direkt am Ohr befestigt. Da die Lautsprecher Ihren Gehörgang nicht verschließen, können Sie noch gut hören. So vermischen sich die Hintergrundgeräusche Ihrer App mit Ihren Alltagsgeräuschen.
Als günstige Version eines persönlichen Tonerzeugers können Sie einen tragbaren MP3-Player benutzen, um ein Rauschen abzuspielen. Stellen Sie die Lautstärke so hoch ein, dass Ihr Reflex auf die Triggergeräusche reduziert wird.
Wenn Sie kein Smartphone haben, können Sie sich ein billiges Android-Handy zulegen. Für diesen Zweck brauchen Sie keinen Handy-Vertrag und haben somit keine monatlichen Kosten.
Trotz des Misophonie-Management-Programms (MMP) und Tonerzeugern kann die Situation am Esstisch problematisch werden, weil Kopfhörer keine visuellen Trigger blockieren können. Diese sind eigenständig, d.h. sie wirken auch in einem völlig geräuschlosen Umfeld als Auslöser. Selbst wenn ein Misophoniker mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern nichts hört, können Kieferbewegungen ihn triggern.
Ich hatte ein Kind in Behandlung, das nicht ertragen konnte, seine Eltern essen zu sehen. Die Familie wollte ihre Mahlzeiten aber gemeinsam einnehmen, also fanden sie eine gute Lösung: sie saßen alle auf einer Seite vom Esstisch. Das mag zwar eigenartig erscheinen, funktionierte aber hervorragend, und das Kind musste nicht alleine in seinem Zimmer essen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass neutrale Geräusche wie Hintergrundrauschen etc. die schnellste und einfachste Bewältigungsstrategie bei Misophonie sind. Sie können den Triggerreflex drastisch reduzieren. Führen Sie also Geräusche in Umgebungen ein, von denen Sie wissen, dass Sie dort Triggern ausgesetzt sein werden. Dadurch wird Ihre Misophonie nicht geheilt, aber erträglicher werden. Denken Sie aber daran, dass diese Strategie keinerlei Auswirkung auf Ihre visuellen Trigger hat.

Ohrstöpsel

Zunächst möchte ich Sie davor warnen, Ohrstöpseln zu oft zu benutzen. Ihr Gehirn braucht akustische Reize und passt sich automatisch Ihrem Umfeld an. Wenn Sie Ihr Gehirn also dauernd abschotten, wird Ihr Gehör empfindlicher und nimmt leise Geräusche deutlicher wahr. Da Misophonie häufig von leisen Geräuschen ausgelöst wird, kann die exzessive Benutzung von Ohrstöpseln Ihre Empfindlichkeit auf leise Triggergeräusche erhöhen. Vermeiden Sie also den täglichen Gebrauch. Verwenden Sie lieber Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung und Musik oder weißem Rauschen, damit Ihr Gehör weiterhin stimuliert wird.

Korrekter Gebrauch von Ohrstöpseln

Ohrstöpsel
Bild: Shutterstock

Nachts oder für kurze Zeitperioden, beispielsweise während Prüfungen, können Sie natürlich ohne weiteres Ohrstöpsel verwenden.
Versichern Sie sich, dass Sie sie richtig ins Ohr einführen. Jeglicher Teil des Stöpsels, der nicht im Gehörgang steckt, ist verschwendetes Material, denn dort blockiert es schließlich keine Geräusche.
Erhältlich sind ganz unterschiedliche Modelle. Es gibt geformte, abgerundete Schaumstoffkegel, ausgestanzte Schaumstoffzylinder und solche aus Silikon. Ein Akustiker kann Ihnen auch spezielle Ohrstöpsel anpassen. Die geformten Schaumstoffstöpsel können öfter verwendet werden, aber sie drücken auch härter gegen den Gehörgang, was beim Schlafen wehtun kann. Ich benutze am liebsten die ausgestanzten, die aber nur ein paar Mal gebraucht werden können. Die Silikonstöpsel sind eine beliebte Variante, werden allerdings nicht so positiv bewertet wie die aus Schaumstoff. Sie senken aber die Lautstärke der Triggergeräusche um einiges. Probieren Sie aus, was für Sie am besten geeignet ist, aber denken Sie daran: Ohrstöpsel sollten nur für kurze Zeit eingesetzt werden, damit Ihr Gehör nicht noch empfindlicher wird.

Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung

Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung schirmen Sie vor Außengeräuschen ab, während Sie gleichzeitig damit eine Audioquelle abspielen können, damit die Ohren stimuliert werden. Obwohl Kinder lieber Musik hören, dient weißes Rauschen besser dazu, Trigger zu blockieren. Musik ist mal laut, mal leise und dann ist da immer die Pause zwischen den Liedern. Weißes Rauschen dagegen ist konstant und umfasst Frequenzen, die oft Ihren Triggergeräuschen ähnlicher sind als Musik.
Die Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung von Bose (QC20/20i und QC25) sind sehr hilfreich bei der Bewältigung Ihrer Misophonie. Die QC20/20i Kopfhörer waren die ersten, die entwickelt wurden, um einmalige Geräusche (z.B. Stimmen) zu unterdrücken. Jegliche Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung können verwendet werden, aber da wir hauptsächlich Trigger blockieren wollen, sind diese Bose Kopfhörer empfehlenswert. Die QC20 sind Ohrhörer, die Ihren Gehörgang von außen blockieren und daher sehr bequem sind. Die Bose QC25 sind gleichermaßen gut und haben Ohrmuscheln. Die einzigen anderen Kopfhörer, die ebenso effektiv Geräusche unterdrücken, sind die Parrot Zik 2.0. Sie eliminieren Triggergeräusche regelrecht, wenn Sie die Geräuschunterdrückung anstellen und eine Geräusch-App verwenden. Dabei sind sie nicht so laut, dass Ihr Gehör dabei geschädigt würde. Allerdings sind diese Kopfhörer darauf ausgelegt, niederfrequente Geräusche zu blockieren und bei bestimmten Geräuschen, beispielsweise Schniefen, weniger effektiv.
Die Etymotic MC5 sind preiswerter und blockieren Trigger noch besser, sind aber nicht so bequem oder praktisch wie die Bose Kopfhörer.
Die Bose Kopfhörer sind zwar etwas teurer, doch Sie kommen wirklich auf Ihre Kosten. Eine preiswerte Alternative sind Ohrstöpsel zusammen mit Ohrmuschelkopfhörern. Die Stöpsel wirken einem Gehörschaden entgegen, gleichzeitig eliminieren Sie mit der lauten Musik oder dem weißen Rauschen sämtliche anderen Geräusche. So erhält Ihr Gehirn zwar noch akustische Eindrücke, nimmt aber keine Trigger wahr. Umgekehrt können Sie auch In-Ohr-Kopfhörer als Rauschgeber und darüber Gehörschutzkapseln („Mickey-Mäuse“) verwenden.
Beide Kombinationen sind preiswerte Methoden zum Blockieren von Triggern.

Progressive Muskelentspannung (PME) nach Jacobson

Bild mehrerer übereinandergestapelter Steine, hinter einer Blumenblüte liegend
Bild: Shutterstock

Unsere Muskeln spannen sich auf andere Art und Weise an, wenn wir ruhig und glücklich sind, als wenn wir uns ärgern. Wenn Ihre Muskeln immer angespannt sind, glaubt Ihr Körper schließlich, dass Sie genervt sind. Wenn sie täglich Übungen zur progressiven Muskelentspannung machen, werden Sie sich Ihrer Gefühle genauer bewusst.
Bei einer Variante der PME werden die Muskeln entspannt, ohne sie zuvor anzuspannen. Diese Entspannung zu üben ist bei Misophonie gleichermaßen sinnvoll. Nachdem Sie mindestens zehn Minuten lang PME mit Muskelanspannung geübt haben, entspannen Sie jede Muskelgruppe in der gleichen Reihenfolge, eine nach der anderen, aber ohne die vorherige Anspannung. Fangen Sie mit ihren Fäusten für fünf bis zehn Sekunden an und machen dann weiter mit Bizeps, dann Trizeps, Stirnmuskeln und so weiter. Diese Entspannung dauert nur ca. zwei Minuten und sollte zwei Mal täglich durchgeführt werden.
Schließlich lernen Sie, alle Muskeln simultan zu entspannen. Setzen oder legen Sie sich bequem hin, und sagen Sie sich: „Entspann Dich!“ Entspannen Sie alle Ihre Muskeln. Suchen sie nach verbleibender Spannung im Körper und sagen Sie wieder: „Entspann Dich!“, bis alle Muskeln völlig gelöst sind. Bleiben Sie für eine Minute in diesem Zustand.
Man kann beide Entspannungstechniken in ca. zwölf Stunden erlernen. Sie können entweder alleine oder mit einem Therapeuten üben. Die größte Herausforderung dabei ist, täglich dabei zu bleiben. Schreiben Sie sich die Zeit zum Üben in Ihren Terminplan. Die Mühe lohnt sich.

PME – Ein Erfahrungsbericht

Im Misophonie-Seminar 2013 für Audiologen traf ich einen 50-jährigen Mann, der Muskelentspannung einsetzte, um seine Wut nach einem Trigger zu reduzieren. Im Teenageralter hatte er PME erlernt, um eine Angststörung zu bewältigen und setzte diese Technik schon jahrelang ein, um seine emotionalen Reaktionen nach einem Trigger zu beeinflussen.
Zwar hatte er mit PME angefangen, mittlerweile praktizierte er sie aber ohne das vorherige Anspannen der Muskeln. Sofort nach einem Trigger alle Muskeln zu entspannen verhinderte seinen Wutausbruch. Die physiologische Komponente von Wut ist Muskelanspannung. Wenn Sie also wütend werden, aber Ihre Muskeln bewusst entspannen, täuschen Sie Ihr Gehirn und können Ihre Wut beträchtlich reduzieren.
Falls sich Ihre Skelettmuskulatur in einer Triggersituation zusammenzieht, können Sie mit Muskelentspannung reagieren. So reduzieren Sie Ihren körperlichen Reflex auf den Trigger und dadurch Ihre misophonischen Emotionen, die mit dem Reflex einhergehen. Übung macht den Meister und lohnt sich.

Keine Gefahr, aber trotzdem danke!

„Keine Gefahr, aber trotzdem danke!“ ist eine Methode, die vielleicht anfangs ein bisschen albern klingt, aber vielen Personen hilft. Zum besseren Verständnis rufen wir und hier nochmal die Neurologie der Misophonie ins Gedächtnis.
Außen haben wir unser denkendes Gehirn. In der Mitte liegt das emotionale Gehirn, das limbische System. Unten befindet sich der Hirnstamm – das vegetative Nervensystem, auch Reptiliengehirn genannt. Der Reflex aus dem Reptiliengehirn ist für die Misophonie verantwortlich.
Ihr Reptiliengehirn ist zwar an Ihrer misophonischen Reaktion schuld, es ist aber auch Ihr bester Freund, denn es kontrolliert die automatischen und lebenswichtigen Vorgänge Ihres Körpers. Es kontrolliert unter anderem die Atmung, das Blinzeln, die Körpertemperatur und den Schluckreflex. Der Schreckreflex, den Sie beispielsweise spüren, wenn hinter Ihnen ein Ballon platzt, stammt ebenfalls vom Reptiliengehirn.
Dank diesem wichtigen Helfer können Sie sich an Ihre Umwelt anpassen, denn er sagt Ihrem Körper, wie er auf bekannte Situationen reagieren muss. Wenn Ihnen der Kellner einen großen Teller Spaghetti hinstellt, sagt Ihr Reptiliengehirn sofort: „Ich erkenne diese Situation. Um diese Menge Spaghetti zu verdauen, braucht der Körper viel Insulin, also beginnen wir schon mal mit der Produktion.“ Obwohl Sie noch keinen Bissen in den Mund genommen haben, nimmt Ihr Reptiliengehirn den Stimulus (die Spaghetti) wahr und sorgt für die passende körperliche Reaktion.
Sehen Sie also Ihre misophonischen Reaktionen als Warnsignale Ihres Reptiliengehirns, das eine Gefahr spürt. Es hört ein Kauen, möchte Sie vor der Gefahr beschützen und lässt Sie daher zusammenschrecken.
Unterhalten Sie sich mit Ihrem Reptiliengehirn: „Reptiliengehirn, ich verstehe ja, dass Du mich beschützen willst. Aber was du gerade gehört hast, ist nicht lebensbedrohlich. Trotzdem danke für die Warnung.“ Die kürzere Version lautet wie folgt: „Keine Gefahr, aber trotzdem danke!“ Sie können es sich einfach denken. Tun Sie es mit Hingabe. Bedanken Sie sich ernsthaft bei Ihrem Reptiliengehirn, denn das wird einen positiven Dankbarkeitsreflex in ihm auslösen.
Sie erinnern sich sicherlich an etliche positive Situationen, in denen Sie sich bei jemandem bedankt haben. Ihr Reptiliengehirn kombinierte Ihr „Danke“ mit Ihrem körperlichen Wohlbefinden. Wenn Sie sich jetzt bedanken, löst schon allein das Wort das gleiche Wohlbefinden in Ihnen aus. Das ist es, was ich den Dankbarkeitsreflex nenne. Probieren Sie es aus: Sagen Sie ein kräftiges „Danke“ und halten dann inne, um Ihre körperliche Reaktion zu spüren. Dieses kleine Wort kann Ihrem Körper eine wundervolle Ruhe vermitteln, der Dankbarkeitsreflex wird Ihren Wutreflex übertönen und ausschalten.

Eine Frau hinterließ den folgenden Kommentar auf Facebook:
„Tom Dozier, ich muss Ihnen etwas gestehen. Nachdem ich die Aufnahme Ihres Misophonie-Seminars 2014 angeschaut hatte, musste ich den Kopf schütteln. Ich dachte mir: „Das ist doch Schwachsinn.“ Nachdem ich bereits 61 bin und ständig zu Wutausbrüchen neige, erwartete ich bereits, dass meine Isolation, ein übermäßig lauter Fernseher und Ohrstöpsel mich bis ins Grab begleiten würden. Doch dann bot sich die Gelegenheit, Ihren Vorschlag mit dem Reptiliengehirn einmal auszuprobieren und ihm zu sagen, dass alles okay wäre. Mein Mann und ich waren auf dem Weg zur Küste und ich dachte mir schon: „Drei lange Stunden mit meinem Mann im Auto, begleitet von ständigem Schniefen und Kartoffelchips essen. Aber was soll’s, ich probiere den Rat von diesem Tom jetzt einfach mal aus.“ Ich konnte es kaum fassen. Es scheint, als ob man auch als Erwachsener durchaus noch dazulernen kann. Sehr zu meiner Überraschung hatte ich dieses Mal nicht das Bedürfnis, aus dem fahrenden Auto zu springen. Auch im Hotel, als mein Mann zu schnarchen anfing, stand ich nach einer Stunde einfach auf und holte mir die Ohrstöpsel, doch ich war längst nicht so wütend wie sonst. Vielen Dank, Tom! Ich kann jedem Betroffenen nur empfehlen, die Sache mal auszuprobieren. Zwar erledigt sich dadurch das Problem nicht völlig, aber wenigstens bringen wir in der Zwischenzeit keinen um.“

Probieren Sie es aus: Wenn Sie Ihren Trigger das nächste Mal hören, denken Sie schnell: „Keine Gefahr, aber trotzdem danke“ und versuchen dadurch, sich von Ihrer Wut zu lösen.

Die innere Einstellung

Blau eingefärbtes Röntgenbild eines Kopfes, Seitenansicht, im mittleren Bereich rot eingefärbt
Bild: Tom Dozier

Natürlich ist Misophonie keine Einbildung, wie viele behaupten, doch es ist eine Störung, die sich sehr wohl in Ihrem Kopf abspielt. Tatsache ist jedoch, dass Ihre Trigger wirklich nur IHRE Trigger sind. Diese Geräusche oder Bilder, die Ihnen so viel Leiden bereiten, sind nicht an sich schlimm und bleiben von den meisten unbemerkt. Die Trigger aktivieren Ihr Reptiliengehirn, das Ihnen regelrecht einen Stromschlag verpasst. Wenn Sie aber daran denken, dass dieses Unbehagen von Ihrem eigenen Gehirn stammt und nicht von einer anderen Person, ist die Erfahrung weniger belastend.
Wenn Sie sich Ihren Knöchel verstauchen, tut es Ihnen weh aufzutreten. Aber dieser Schmerz verärgert Sie nicht. Sie wissen, dass der Schmerz von Ihrem eigenen Körper, d.h. von Ihrer Verletzung stammt. Niemand fügt Ihnen diesen Schmerz zu.
Das gleiche Prinzip trifft auf Misophonie zu. Wenn Sie Ihre Trigger als Angriffe anderer Personen betrachten, wird Sie das sehr aufwühlen. Ist Ihnen bewusst, dass Sie anders als andere Menschen auf die Außenwelt reagieren, dann können Sie sich darauf konzentrieren, wie Sie auf Ihre Trigger reagieren wollen. Einige produktive Hilfestellungen haben wir in diesem Kapitel schon besprochen: Muskeln entspannen, Kopfhörer verwenden, oder sich zurückziehen.
Wenn Sie Trigger als einen Angriff anderer betrachten, geben Sie diesen die Schuld an Ihrem Leiden. Die sollten alle mal lernen, sich besser zu benehmen und Sie nicht ständig triggern – beim Gehen die Füße richtig heben, leiser atmen und so weiter! Diese Einstellung schürt Feindseligkeit. Anstatt sich wie ein Opfer der Angriffe anderer zu sehen, betrachten Sie Ihre Misophonie lieber wie einen verstauchten Knöchel: es tut zwar weh, aber Sie werden damit schon klar kommen.
Ich behaupte nicht, dass man allein durch die Einstellung geheilt werden kann oder dass Sie damit keine Probleme mehr haben werden. Der Schweregrad Ihrer Misophonie wird dadurch aber sehr wohl reduziert.

Entgegenkommen am Arbeitsplatz

Frau am Arbeitsplatz hält sich die Ohren zu
Bild: Shutterstock

Viele Länder haben Gesetze, um das Leben von Menschen mit Handicaps u.a. auch an ihrem Arbeitsplatz oder in der Schule zu erleichtern. In Deutschland ist das das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG).
Gemäß diesen Gesetzen müssen Arbeitgeber das Arbeitsumfeld hinreichend anpassen, damit eine qualifizierte Person mit einer Behinderung sich für die Arbeit bewerben und sie durchführen kann. Bestimmte Veränderungen müssen vorgenommen werden, damit diese Person die gleichen Rechte und Privilegien wie ihre Kollegen hat. Ein realistisches Entgegenkommen seitens des Arbeitgebers ist eine wichtige gesetzliche Forderung gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz.
Derlei Gesetze geben Ihnen zwar nicht automatisch das Recht, Ihr eigenes Büro zu haben, halten jedoch Ihren Arbeitgeber dazu an, Ihnen ein angemessenes Arbeitsumfeld zu bieten. Es könnte für Sie z. B. nützlich sein, am Arbeitsplatz Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung tragen zu dürfen. Fragen Sie sich einfach: „Könnte eine taube Person diese Arbeit durchführen?“ Wenn ja, dann sollten Sie Ihre Kopfhörer tragen dürfen, auch wenn das laut Firmenpolitik nicht erlaubt ist.
Reden Sie mit Ihrem Vorgesetzten oder dem Personalmanagement bezüglich der Bedingungen für die Anerkennung Ihrer Misophonie. Oftmals reicht die Diagnose einer anerkannten Fachkraft. Das Gesetz umfasst keine Liste bestimmter Behinderungen, sondern definiert Behinderung als einen Zustand, der eine oder mehrere grundlegende Lebensaktivitäten schwerwiegend einschränkt. Zu diesen Aktivitäten zählen beispielsweise Lernen, Sprechen, Zuhören, Lesen, Schreiben, Konzentrieren und Selbstversorgung. Und Misophonie beeinträchtigt definitiv Ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren.

In der Schule

Eine Gruppe Personen wirft eine liegende Person in die Luft
Bild: Shutterstock

Auch Schulen müssen per Gesetz (BGG) Kindern mit Behinderungen entgegenkommen. Schüler mit Misophonie können sich das zunutze machen, wenn ihre Störung Ihren Lernprozess einschränkt. Das Gesetz ist für Schüler gedacht, die an einem Zustand leiden, der eine oder mehrere Lebensaktivitäten eingrenzt. Misophonie gehört auf jeden Fall zu dieser Kategorie.
Mit den folgenden Maßnahmen können Schulen einem misophonischen Schüler entgegenkommen:

  • Kein Essen, Trinken oder Kaugummikauen im Unterricht. Wenn anderen Schülern als Konzentrationshilfe Kaugummikauen erlaubt wurde, kann das natürlich ein Problem schaffen.
  • Der Schüler darf jederzeit das Klassenzimmer verlassen, wenn er zu vielen Triggern ausgesetzt ist. Er muss Zugang zu einem Zufluchtsort haben, wo er sich beruhigen kann.
  • Der Schüler darf Kopfhörer mit einer Geräusch-App im Unterricht verwenden. Auch wenn er dadurch den Lehrer eventuell nicht immer optimal hören kann, erlaubt ihm diese Maßnahme, dem Unterricht zu folgen.
  • Der Schüler darf Kopfhörer mit einer Geräusch-App während Prüfungen tragen.
  • Wenn nötig, darf der Schüler seine Prüfungen in einem triggerfreien Umfeld schreiben.
  • Der Schüler hat das Recht auf einen bevorzugten Sitzplatz, um weniger Triggern ausgesetzt zu sein.
  • Der Schüler darf ein Sende-/Empfangsgerät verwenden, das ihm erlaubt, den Lehrer oder Professor in einer Vorlesung über ein Mikrofon ungestört zu hören. Diese Methode wird an vielen Universitäten für schwerhörige Studenten eingesetzt.

In vielen Fällen sind die Schulen sehr kooperativ. Man möchte ja vorzugsweise die Zusammenarbeit auf Hilfsbereitschaft aufbauen, und nicht auf ein Gesetz und der Androhung von gerichtlichen Schritten. Wenn die Lehrkräfte verstehen, weshalb bestimmte Änderungen für den Misophoniker notwendig sind, ist es wahrscheinlicher, dass sie konsequent durchsetzt werden. Das ist oft nicht der Fall, wenn Lehrer uneinsichtig sind und nicht verstehen, warum sie den Unterricht den Bedürfnissen eines bestimmten Schülers anpassen sollen. Schriftliche Genehmigungen sind jedoch manchmal für Examen notwendig.

Aus: Misophonie verstehen und überwinden von Thomas Dozier