Buch “Misophonie bekämpfen: Schritt für Schritt lernen mit Alltagsgeräuschen umzugehen”

Vover "Misophonie bekämpfen"

Ein sehr dünnes Büchlein (74 Seiten mit großer Schrift und weitem Zeilenabstand), dessen Inhalt dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag sehr ähnelt. Allerdings fehlen im Buch sämtliche Bilder und alle Referenzen. Dafür gibt es jede Menge Rechtschreib- und Satzfehler. Der Titel des Buches ist irreführend, Schritte werden im Buch nicht genannt. Fazit: Lesen Sie besser den Wikipedia-Eintrag.

Rauschen gegen Misophonie

Rauschgeneratoren

DOHM Schlafhilfe SleepMate und LectroFan sind zwei Beispiele für Rauschgeneratoren, oft als Einschlafhilfe in den Shops zu finden. Man stellt sie auf den Tisch und bei Bedarf drückt man einen Knopf. Dann rauscht es, und im optimalen Fall ist der Trigger nicht mehr hörbar. Manchmal nervt das Geräusch allerdings auch andere Beteiligte, die am Tisch sitzen. Dann greift man doch besser zur geräuschlosen Methode über Kopfhörer.

Rausch-Apps

Misophonische Reaktionen scheinen stärker zu sein, wenn der Trigger das einzige wahrnehmbare Geräusch ist. Wenn es still ist, fällt der Trigger noch mehr auf, da es keine konkurrierenden Geräusche gibt. Wenn es gelingt, die Klarheit des Triggergeräusches mit Hilfe anderer Geräusche zu dämpfen, kann man die misophonische Reaktion minimieren oder gar ganz verhindern. Hier kommt das Rauschen ins Spiel. Das kann weißes oder rosa Rauschen sein, aber auch Regen oder Ozeanwellen funktionieren sehr gut und werden meist als angenehmer empfunden. Nun kann man einfach ein Rauschen bei Youtub suchen und als Dauerschleife abspielen. Aber es gibt auch Apps, die sich aufs Rauschen spezialisiert haben. Zwei davon sind TMSOFT White Noise und White Noise Market. Wenn diese Apps laufen, werden andere Umgebungsgeräusche nicht mehr so laut wahrgenommen. Dabei kann das Smartphone das Rauschen über den Lautsprecher als auch über Ohrhörer mit und ohne Noise Cancelling abspielen. Ein positiver Effekt ist immer vorhanden.

Apps zur Trigger-Entkonditionierung

Misophonia Trigger Tamer, Visual Trigger Tamer, Misophonia Reflex Finder sind Apps, die Thomas Dozier entwickeln lassen hat. Dabei geht man davon aus, dass Trigger, wenn sie so leise abgespielt werden, dass sie den Misophoniker nicht triggern, zur Entkonditionierung beitragen. Dabei ist Bedingung, dass sich der Misophoniker gleichzeitig sehr wohl fühlt. Deshalb spielt die Trigger Tamer App zwei Dateien gleichzeitig ab: Einmal sehr leise das Triggergeräusch und zum anderen eine Musik, bei der sich der Misophoniker möglichst wohlfühlt. Der Visual Trigger Tamer macht das gleiche mit visuellen Triggern. Der kostenlose Reflex Finder spielt lediglich sehr leise den Trigger ab, so dass man seinen Triggermuskel besser spüren kann.

In der Praxis stoßen viele Misophoniker auf Probleme, diese Apps zu nutzen: Mal ist es schwierig, das Triggergeräusch aufzunehmen, mal reagiert man überhaupt nicht auf Trigger, wenn sie ‘vom Band’ abgespielt werden, oder es ist schwierig, in eine positive, fröhliche Grundstimmung zu kommen.

Ein Tipp: Ist man in der Lage, Musik und Trigger gleichzeitig abzuspielen (z.B. auf dem PC mit zwei geöffneten Abspielfenstern), dann kann man die Funktionsweise der Apps damit emulieren und sich die Anschaffung sparen.

Englischsprachige Literatur

Deutschsprachige Literatur zum Thema Misophonie ist (noch) rar. Hier ein Überblick über englischsprachige Literatur zum Thema Misophonie und was Sie davon erwarten dürfen.

Dozier, Thomas H.: Understanding and Overcoming Misophonia: A Conditioned Aversive Reflex Disorder Das englische Original. Mehr zur deutschen Übersetzung finden Sie hier.

Cover Misophonia - Lisa's Hatred of Sounds

Seebeck, Andreas & Homrighausen, Febe: Misophonia – Lisa’s Hatred of Sounds
Die englische Übersetzung. Mehr zum deutschen Original finden Sie hier.

Lott, Joey: How I Solved My Sound Sensitivity Problem (Misophonia): Or How Chewing Sounds No Longer Send Me Into a Rage Ein sehr kurzes Ebook, in dem es darum geht, der misophonischen Reaktion mit Achtsamkeit zu begegnen.

Krauthamer, Judith T.: Sound-Rage: A Primer of the Neurobiology and Psychology of a Little Known Anger Disorder Ein etwas theorielastiges Buch, das sich eher auf die neurologischen Zusammenhänge als auf Lösungen konzentriert.

Hayes, Shaylynn: Full of Sound and Fury: Suffering With Misophonia Enthält hauptsächlich Erfahrungsberichte sowie die Abschriften der Behindertengleichstellungsgesetze mehrerer englischsprachiger Länder.

Mckenzie, Duncan Alexander: The 4S Handbook. Selective Sound Sensitivity Syndrome Kleines Büchlein, das eher an der Oberfläche bleibt.

Eccles, Rachael: Noise Sensitivity: Overcome Sensitivity to Noise (Misophonia), Three Track Self Hypnosis Hypnotherapy CD Englischsprachige CD mit Anleitung zur Tiefenentspannung, während der vorgeschlagen wird, den Triggergeräuschen weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Also kein sehr erfolgversprechender Ansatz, der aber im Einzelfall helfen kann.

Bose QC20 bei Misophonie

Bose QC 20

Ein Testbericht von Andreas Seebeck

Noise-Cancelling bei Misophonie

Inwieweit helfen Kopfhörer mit aktiver Umgebungsgeräuschunterdrückung wie der Bose QC20 bei Misophonie?
Das Aushalten von Triggern verschlimmert die Misophonie dauerhaft, das ist mittlerweile bekannt. Aber was, wenn es gerade schwierig ist, sich an einen triggerfreien Ort, eine triggerfreie Oase zurückziehen kann? Dann können Ohrstöpsel und Kopfhörer helfen, um dem emotionalen und physiologischen Stress zu entkommen. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, wie die Bose QC20 oder QC25 können bei Misophonie recht nützlich sein. Ganz neu gibt es auch die kabellose Variante, die Bose QuietComfort® Earbuds. Jedoch benötigen Sie zusätzlich meist noch ein Rauschen, um Ihre Trigger wirklich ausreichend zu blockieren.

Ich benutze die QC20 jetzt seit 2015 und mag sie, weil

  • sie sehr bequem zu tragen sind
  • sie eine sehr lange Akkulaufzeit haben (über 6 Stunden)
  • sie Geräusche sehr effektiv wegfiltern
  • und nicht zuletzt, weil sie auch ohne weiteres Gerät einsetzbar sind

Allerdings gibt es auch einen Nachteil: Die Kabel stören oft und sind sehr auffällig. Die Dinger heimlich zu benutzen ist nicht möglich.

Kopfhörer mit Rauschunterdrückung QC20

Wichtig: Die Unterdrückung von Umgebungsgeräuschen hängt stark davon ab, wie Ohrform und Ohrhörer zusammenpassen. Ich habe schon Klienten gehabt, die aufgrund ihrer Ohrform nicht den geringsten Unterdrückungseffekt wahrnehmen konnten. Deshalb ist es wichtig, dass man die Kopfhörer in der Praxis testen und gegebenenfalls wieder zurückgeben kann!

Bose QC20 bei Amazon

Bose QuietComfort® Earbuds

Bose QuietComfort Earbuds

Ein Testbericht von Andreas Seebeck

Können die neuen Bose QuietComfort® Earbuds bei Misophonie helfen?

Es hat lange gedauert, bis Bose endlich eine kabellose Variante des Modells “QuietComfort 20” herausgebracht hat. Die dicken schwarzen Kabel des Vorgängermodells fallen doch sehr auf, ich hatte mir schon lange das gleiche Modell ohne Kabel gewünscht. Die neuen Bose QuietComfort® Earbuds sind, anders als andere Noise Cancelling Earbuds, glücklicherweise ebenfalls keine In-Ear Kopfhörer. Sie liegen also nur auf dem Gehörgang, müssen nicht hineingesteckt werden. Das erhöht den Tragekomfort: Alle In-Ear Geräte, die ich bis jetzt ausprobiert habe, taten entweder nach kurzer Zeit weh oder, wenn sie bequem saßen, hatten keinen Geräuschunterdrückungseffekt mehr.
Weil ich herausfinden wollte, inwieweit die Bose QuietComfort® Earbuds bei Misophonie helfen, habe ich sie mit verschiedenen Triggergeräuschen getestet: Kauen, Nase hochziehen, Atmen und Husten.

Das Ergebnis

In allen Fällen wurde die Lautstärke der Triggergeräusche erheblich gemindert. Normale Kaugeräusche und Atmen wanderten unter meine Hörschwelle. Bei Nase Hochziehen und Husten habe ich ein moderates Regenrauschen abgespielt, um die Geräusche ganz oder fast ganz auszublenden.

Vorteile

  • Keine Kabel (fällt nicht so auf)
  • Sehr gute Unterdrückung der Umgebungsgeräusche, besonders mit zusätzlich abgespieltem Rauschen
  • Nicht In-Ear (lange bequem tragbar)

Nachteile

  • Nur in Verbindung mit dem Smartphone benutzbar
  • Nicht ganz so bequem wie die QC 20, weil das Gummi etwas weniger weich ist
  • Teuer

Bose QuietComfort® Earbuds bei Amazon

Buch “Ich hasse Geräusche!”

Cover Ich hasse Geräusche

Der Autor beschreibt hier anschaulich am eigenen Beispiel, wie er die Informationen und Ratschläge aus Thomas Doziers Buch über Misophonie umgesetzt hat und sein Leben gestaltet, um mit Misophonie zu leben. Im Buch stecken viele Ansätze, um trotz Misophonie an Lebensfreude und Lebensqualität zu gewinnen. Zum Beispiel gibt es Vorschläge, wie man mit den Angehörigen über Misophonie sprechen kann, sowie eine Misophonie-Ampel, um einfach und unkompliziert seinen aktuellen Gemütszustand zu kommunizieren. Ich finde dieses Buch sehr hilfreich und besonders im Zweiergespann mit Doziers Buch sehr sinnvoll, weil hier konkret auf die Umsetzung im Alltag eingegangen wird.

Hier der Link nach Amazon und zur Seite des Autors www.misophonie-buch.de.

Buch “Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche”

Buchcover "Misophonie - Lisas Wut und die Geräusche"

Kompakt und leicht verständlich: Wie entsteht Misophonie und was kann man tun, um sie in den Griff zu bekommen?
Das Buch “Misophonie – Lisas Wut und die Geräusche” beschreibt anschaulich und mit vielen farbigen Illustrationen, wie sich Misophonie anfühlt und was Sie als Betroffener oder Angehöriger tun können, damit die Misophonie nicht immer schlimmer, sondern besser wird.

Lisa reagiert mit Wut und Ekel auf ganz normale, leise Geräusche. Sie weiß gar nicht, was mit ihr los ist und mit ihr leidet ihre ganze Familie. Dann stellt sich heraus, dass Lisa Misophonie hat und damit nicht alleine steht.
Viele Menschen sind von Misophonie betroffen, doch meist dauert es lange, bis sie auch nur erfahren, dass es einen Namen für ihr Problem gibt. Ihr Sozialleben ist oft extrem beeinträchtigt, die Suche nach Hilfe schwierig, denn auch in der Therapeuten- und Ärzteschaft ist Misophonie noch weitgehend unbekannt.
Da Misophonie in den meisten Fällen im Alter von 8 bis 12 Jahren beginnt, ist Lisa ein typisches Beispiel, in dem sich sicher viele Betroffene wiedererkennen werden.

80 Seiten, Hardcover, farbig

Leseprobe im Shop des Verlages

Interview Seebeck mit dpa-Journalistin Wittke-Gaida: “Wenn Ess-Geräusche Wut auslösen”

Andreas Seebeck und Jelle Homrighausen

Hilfe für Misophoniker kommt aus Lohne – Erkrankung noch wenig erforscht

Das Knacken einer Möhre wird für Misophoniker zum Horrortrip. Andreas Seebeck versucht, Betroffenen mit einer Methode zu helfen, die an der Uni Amsterdam entwickelt wurde.

LOHNE/BIELEFELD – Es schmatzt und knackt – und ist kaum zu ertragen. Die speziellen Kaugeräusche, die man beim Essen mit Zunge, Kiefer und Mund verursacht, treiben manche Menschen in den Wahnsinn. Wem es so geht, der leidet eventuell unter Misophonie.
Der Name setzt sich aus dem griechischen „Misos“ für Hass und „Phone“ für Geräusch zusammen: „Hass auf Geräusche“ also. Misophoniker können auch auf andere Auslöser anspringen, etwa das Hämmern des Kollegen auf Computertastaturen. Aber die Mehrheit erträgt keine Kaugeräusche.
„Ich kann es nicht haben, wenn ich Mama essen höre. Darf ich das Radio anmachen?“ Mit diesem Satz schockte Jelle Homrighausen als Zwölfjähriger seine Eltern am Mittagstisch. Wenig später fing er an, alle Situationen zu meiden, bei denen gegessen wurde. „Am Tisch habe ich mich möglichst weit weg gesetzt von meiner Mutter. Ich bekam schon Wut, wenn ich nur ihre Kieferbewegungen sah. Dann habe ich auf meinen eigenen Teller gestarrt und bin so schnell wie möglich aufgestanden“, erzählt Homrighausen. Das Schlimmste für ihn sind Kaugummi kauende Menschen.
Andreas Seebeck, sein Vater und psychotherapeutischer Heilpraktiker in Lohne (Kreis Vechta), erkannte in den Symptomen Anzeichen einer Phobie. „Ich nannte sie Kauphobie. Doch keine Therapie half“, erinnert sich Seebeck. Was folgte, war eine jahrelange Tournee von Therapeut zu Therapeut, von Psychologe zu Psychologe. Unterbrochen von Anti-Aggressionsseminaren, Hypnosesitzungen und Klopftherapien. „Nichts hat etwas gebracht. Ganz im Gegenteil. Gerade durch Konfrontationstherapien, mit denen Phobien behandelt werden, wurde alles noch viel schlimmer“, so Seebeck.
Weil es in Deutschland weder Wissen noch Literatur über Misophonie gab, machte sich der Therapeut im Ausland schlau. Er fand Erklärungen in einem Misophonie-Buch des Amerikaners Thomas Dozier. „Ich war verblüfft, wie viele Leute daran leiden. Internationale Studien schätzen vorsichtig, dass jeder 10. bis 20. auf Geräusche anspringt, die er nicht aushalten kann“, sagt Seebeck.
Das Phänomen unterschätzt hatte auch die Universität Bielefeld: Um herauszufinden, ob es sich um eine psychische Störung handelt oder um ein Begleitsymptom einer anderen Erkrankung, startete Wissenschaftlerin Hanna Kley 2018 eine Studie zu Misophonie. Statt 20 bis 30 gesuchter Probanden meldeten sich innerhalb kürzester Zeit 200 Menschen.
Kley: „Wir haben im ersten Schritt Interviews mit Betroffenen geführt, die angaben, unter ihrer Geräuschempfindlichkeit, zum Beispiel in Bezug auf Kaugeräusche, so zu leiden, dass sie sich im Alltag eingeschränkt fühlen.“ Das könne der Fall sein, wenn Menschen vermeiden, Bus oder Bahn zu fahren – neben ihnen könnte ja jemand eine Brötchentüte auspacken.
Auffällig ist für Kley, dass sich die Geräuschempfindlichkeit besonders oft auf nahestehende Angehörige konzentriert. „Das belastet zusätzlich, weil die Betroffenen ausgerechnet gegenüber geliebten Menschen in bestimmten Momenten Wut und Hass empfinden.“
Andreas Seebeck versucht inzwischen selbst, Misophonikern zu helfen. Er sammelt Erfahrungen mit einer Methode, die Wissenschaftler der Universität Amsterdam entwickelt haben, indem sie die auslösenden Geräusche verfremden, sie schneller oder langsamer, höher oder tiefer abspielen. Das könne leichte Verbesserungen bringen. Sein Sohn mag nichts mehr ausprobieren. Bei ihm ist über die Jahre noch eine Depression dazugekommen. „Seit ich Medikamente dagegen nehme, ist wenigstens die extreme Wut weg“, gesteht der heute 27-Jährige.

Foto: Markus Hibbeler/dpa-tmn

Interview Andreas Seebeck mit Bild Online: “WENN ESSGERÄUSCHE WUT AUSLÖSEN”

Hier lesen Sie das ungekürzte Interview, dass ich Januar 2018 mit der Bild Online geführt habe:

B.O.: Ist Misophonie eher eine körperliche oder psychische Krankheitsform?

Portraitbild Andreas Seebeck

Seebeck: Misophonie ist wohl neurologisch bedingt. Das sogenannte Reptiliengehirn interpretiert ein Geräusch oder auch einen visuellen Reiz als Angriff. Die Reaktion darauf, die sich nicht bewusst steuern lässt, ist starke Wut oder Ekel – das wird aversiver konditionierter Reflex genannt. Zu diesem Thema wird zur Zeit viel geforscht.

B.O.: Welche Ursachen hat Misophonie?

Seebeck: Hört jemand unter großem Stress ein sich wiederholendes Geräusch, so wird beides miteinander verknüpft. Eine typische Situation: Das Kind kommt gestresst von der Schule zum gemeinsamen Mittagessen. Dort fallen ihm plötzlich die Essgeräusche eines Familienmitgliedes auf. Es muss am Tisch sitzen bleiben, was zu noch größerem Stress führt. Schon ist ein ganz normales Essgeräusch zum Trigger geworden. Das kann prinzipiell jedem und auch in jedem Alter passieren, häufig beginnt die Misophonie aber im Alter von 8 bis 12 Jahren. Essgeräusche sind übrigens die häufigsten Trigger, zu Beginn sogar oft nur die Essgeräusche einer einzigen Person. Das ist das Interessante: Es muss kein traumatisches Erlebnis zugrunde liegen, die Misophonie entsteht in der Regel in einer ganz normalen Alltagssituation. Die Ursache liegt also nicht im Fehlverhalten einer anderen Person. Die Belastung ist für die Betroffenen und ihre Familien ungeheuer groß: Man steht sich nahe, man liebt sich, trotzdem werden Kinder von Eltern oder auch Eltern von Kindern getriggert.

B.O.: Sind eher Männer oder eher Frauen betroffen?

Seebeck: Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer: Etwa 20 % aller Frauen und 12 % aller Männer leiden unter misophonischen Triggern. Misophonie ist also eine weit verbreitete, aber trotzdem noch wenig bekannte Störung. Viele Menschen leiden darunter, ohne zu wissen, dass es für ihr Problem einen Namen gibt und glauben, dass sie allein damit stehen. Sie ziehen sich sozial zurück und werden oft als mürrisch, launenhaft oder reizbar abgestempelt.

B.O.: Gibt es Menschen, die eher davon betroffen sind als andere? (labilere Personen?)

Seebeck: Es gibt Menschen, die eher schlechter bei störenden Geräuschen weghören können als andere. Sie sind offener und ungeschützter ihren Sinneseindrücken gegenüber und daher anfälliger, Trigger zu entwickeln. Misophoniker sind überdurchschnittlich kreativ und intelligent. Die Firma 23andme, die private DNA-Analysen macht, konnte nach Auswertung von 80.000 Kundendaten auch einen genetischer Marker in Zusammenhang mit Misophonie bringen. Ein starker Risikofaktor ist aber auch Stress.

B.O.: Wie äußern sich die Beschwerden?

Seebeck: Geräusche (oder eine Bewegung, Trigger können auch visuell sein), die andere nicht einmal wahrnehmen, führen zu einem Fehlalarm im Gehirn: Du wirst angegriffen, wehr Dich! Die extreme Wut, die das hervorruft, kann man nicht unterdrücken oder ignorieren. Kleine Kinder rufen dann oft verzweifelt: “Mama, Du kaust so laut!”. Die übrige Familie ist ratlos, weil niemand sonst irgendwelche Kaugeräusche wahrgenommen hat. Für Misophoniker ist ein normaler Schul- oder Arbeitsalltag nur schwer zu bewältigen, denn um einen herum wird ständig gekaut, geschnieft und getrunken, geklickt und getippt. Diese Geräusche können auch sehr leise sein, das spielt dabei keine Rolle.

B.O.: Ist Misophonie heilbar? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Seebeck: Die Reaktion auf misophonische Trigger lässt sich auflösen oder zumindest mindern. Viele Misophoniker erfahren schon eine Erleichterung, wenn ihnen bewusst wird, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind und sich über die Misophonie informieren können. Sie können dann der Entstehung von neuen Triggern vorbeugen und dafür sorgen, dass sich vorhandene nicht verschlimmern. Dafür ist es wichtig, den Triggern aus dem Weg zu gehen. Der Versuch, sie auszuhalten, sorgt oft dafür, dass neue Trigger hinzukommen oder bestehende sich ausweiten.
An Therapiemöglichkeiten gibt es z.B. die Neural-Repatterning-Technik (NRT), die in der Verhaltenstherapie “Konfrontation unter Entspannung” genannt wird.
Ein großes Problem ist, dass die wenigsten Therapeuten bisher überhaupt von Misophonie gehört haben. Hier muss meist der Klient dem Therapeuten die Krankheit erklären, damit nicht die falsche Methode angewendet wird (z.B. Konfrontation unter Stress).
Glücklicherweise steht die Forschung nicht still. Mit einer Methode, die wir TBT-Auditiv nennen und die u.a. auf Erkenntnissen der Misophonieforschung der Universität Amsterdam beruht, lassen sich Triggerreaktionen sehr schnell verringern.
Bei dieser Methode, die von der Australierin Rehana Webster eigentlich für eine ganz andere Störung entwickelt wurde, spielt die Verfremdung der Triggergeräusche eine zentrale Rolle. Außerdem kann der gezielte Einsatz von Entspannungsmethoden wie der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson oder körperbasierten Techniken wie dem myofaszialen Muskelzittern (TRE) sehr hilfreich sein.
Viele Misophoniker behelfen sich auch mit Kopfhörern, Ohrstöpseln und sogenannten Tinnitus-Noisern.

B.O.: Was genau ist die Neural-Repatterning-Technik (NRT)? Wie lange praktizieren Sie das schon?

Seebeck: Bei dieser Methode der Dekonditionierung wird dafür gesorgt, dass sich der Klient möglichst wohlfühlt. Seine Trigger werden ihm dann fast unhörbar vorgespielt, so dass dabei keine Wut-Reaktion hervorgerufen wird. NRT wurde von Thomas Dozier in den USA entwickelt. Er war einer der ersten, die zu dem Thema geforscht haben, weil sowohl seine Tochter als auch seine Enkelin davon betroffen waren. In seinem Buch “Misophonie verstehen und behandeln” gibt er auch Hinweise zur Selbsthilfe.
Ich selbst praktiziere NRT seit ungefähr drei Jahren, setze sie mittlerweile aber eher selten ein, weil die TBT-Auditiv-Methode schneller hilft.

B.O.: Wieso ist die Konfrontationstherapie nicht für Misophonie geeignet?

Seebeck: Weil Misophonie im Gehirn ganz anders abläuft als z. B. eine Phobie oder eine Zwangsstörung. Hält man Ängste aus, nimmt der Stresslevel irgendwann wieder ab, was dann einen Lerneffekt hat. Bei Wut oder Ekel funktioniert das nicht. An Wut kann man sich nicht gewöhnen – so wenig, wie man sich an Mobbing gewöhnen kann! Der erhöhte Stresslevel bei einer Konfrontation (wenn es nicht eine Konfrontation unter Entspannung ist) führt in der Regel zur Verschlimmerung der Misophonie.
Leider wird Misophonikern aufgrund von Fehldiagnosen oft empfohlen, ihre Trigger auszuhalten. Ich habe von meinen Klienten schon alle möglichen Diagnosen gehört, die ihnen gestellt wurden: Trotzverhalten, affektive Störung, Hyperakusis, ADHS, bipolare Störung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Phobie, posttraumatische Belastungsstörung und noch viele mehr. Wie gesagt: Es ist ein großes Problem, dass Misophonie unter Therapeuten noch wenig bekannt ist, und man kann natürlich nur etwas diagnostizieren, was man auch kennt.

B.O.: Ist es vorstellbar, dass sich Betroffene von ihrem Partner trennen mussten, weil sie die Geräusche nicht mehr ertragen konnten?

Seebeck: Das kommt sehr oft vor. Ich hatte schon viele verzweifelte Paare in meiner Praxis. Wenn man nur lange genug mit einem Menschen zusammenlebt, können sich alle möglichen Trigger ausbilden. Wenn zum Beispiel die Aussprache eines bestimmten Lautes zum Trigger wird, können Paare nicht mehr miteinander reden, auch wenn sie sich noch so lieben! Ein neuer Partner ist meist nur eine kurzfristige Lösung. Nach einigen Monaten des Zusammenlebens stellen sich erneut Trigger ein. Viele Misophoniker leben sehr einsam: Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle gesellschaftlichen Ereignisse meiden, bei denen gegessen wird – was bleibt dann noch?

Foto: Andreas Seebeck